Berührend

„Gallipoli“ von Peter Wolf. Filmische Ideen, wo sie noch nicht zum Ideenfilm zusammengeschrumpft sind, schaffen Möglichkeiten für filmisches Erzählen – in Raum und Zeit / durch Räume und Zeiten. Es ist nicht wichtig, wofür die Figuren stehen. Wichtiger ist, was diese Figuren erleben und wie sie es erleben. In „Gallipoli“ ist schon wichtig, daß der jugendliche Held für sein Heimatland, für Australien, in den Krieg zieht und schließlich auch zu sterben bereit ist. Wichtiger jedoch ist, welchen Weg er geht und wie er sich auf diesem Weg verändert. Es ist 1915, und die australische Armee kämpft für die Freiheit ihres Landes – in Gallipoli, einer türkischen Dardanellen-Festung. Kaum ein Australier will da abseits stehen. Auch der Held des Films, ein talentierter Läufer, der gerade seinen ersten Triumph als Sprinter erlebt hat, meldet sich: zur Kavallerie. Auch er will die Deutschen schon in der Türkei aufhalten, damit sie gar nicht erst nach Australien kommen. Auf dem Weg zur Meldestelle muß er aber zuerst einmal eine weite Wüste durchqueren. Und auf dem Weg nach Gallipoli muß er Ozeane und ein Ausbildungslager in Ägypten überstehen. Wie in allen besseren Filmen, in denen das Reisen sich auch in inneren Veränderungen ausdrückt, dauert es auch in „Gallipo-Ii“ eine Ewigkeit, bis der Held dort ankommt, wo er von Anfang an hinwollte. Es geht eben nicht um einen Sinn, der sich am Ende erfüllt, sondern um Erfahrungen, die einer macht, indem er seine Geschichte erlebt. Es geht nicht um Ideen gegen den Krieg und dessen Sinnlosigkeit, sondern darum, wie ein Junge aus der Provinz von einer Sportkarriere träumt, mit anderen Menschen redet, Freundschaften schließt, sich einfach unablässig seines Lebens freut. Und wie er dann am Ende so selbstverständlich in den Tod rennt, so, als gehe es um den Sieg im wichtigsten Sprintwettbewerb. Norbert Grob

Betulich

„Am Goldenen See“ von Mark Rydall. Daß Katherine Hepburn, die Screwball-Komödiantin der dreißiger Jahre und Henry Fonda, der als „Mann des Gewissens“, aber auch als Mörder das Publikum bewegte, zum ersten Mal gemeinsam auf der Leinwand zu sehen sind, ist buchenswert. Daß der Film, in dem die beiden Hollywood-Stars, sie 75-, er 77jährig, ein alterndes Ehepaar spielen, gleich sechsmal (drei Oscars, drei Golden Globes) ausgezeichnet wurde, war, wenn nicht vorauszusehen, so doch vorauszuahnen. Den Schauspielern gönnt man die Ehre, dem Drehbuchautor weniger. Ernest Thompson hat aus dem eigenen Bühnenstück betuliches Boulevardkino entwickelt, in dem viel und seicht geredet wird. Man empfindet fast Mitleid mit den großen Stars, die sich mit derart platten Dialogen plagen müssen. Den Vorhang ersetzt Thompson – ein Film muß schließlich auch filmische Elemente enthalten – durch beschauliche Sequenzen von unberührter Natur in Detail- und Panorama-Aufnahmen. In dieser Idylle findet Familienleben statt. Es passiert nichts Dramatisches, nur so etwas wie eine Läuterung im alten Mann am See. Der „Brummbär“ wird schließlich milder, so daß auch das lebenslang gestörte Verhältnis zwischen Vater, und Tochter (Jane Fonda) sich in Wohlgefallen auflöst. So endeten amerikanische Familienserien in den fünfziger Jahren. So endet Hochdekoriertes aus Hollywood immer noch. Und golden liegt der See in der Abenddämmerung. Anne Frederiksen

Langweilig

„Der Tod in der Waschstraße“ von Friedemann Schulz. Wenn Rosemarie Fendel einem Achtzehnjährigen aus ihrem Leben erzählt, wie sie sich von den reichen Eltern nicht in eine Ehe zwingen ließ, weil sie einen Mann aus Liebe wollte, wie sie dann lange gewartet hat, aber keiner gekommen ist, den sie lieben konnte, bis zu dem Moment, wo es um Liebe und Tod ging, Wie die ältere Frau das erzählt und unausgesprochen um ein bißchen Wärme von dem Jungen bittet – das ist der schönste Augenblick des Films. Ganz selbstverständlich, ohne falsche Töne und Gebärden spricht eine Frau von ihrem Leben. Man sieht ihr, Gesicht, ihre Körperhaltung, hört ihre Stimme: eine Kinogeschichte. Da ist nichts zu spüren von der überzeichneten Sinnträchtigkeit, die diesen Film sonst so langweilig macht; wo überdeutliche Klischees die Figuren undrest werden lassen: die Redakteurin und der Lektor reden so dumm und aufgeblasen, wie man sich das von Kulturleuten immer schon dachte, der Vater ist progressiv verständnisvoll, die Mutter hysterisch penetrant. Und die beiden jugendlichen Hauptfiguren – er, der Geschichten schreibt und in einer Autowaschanlage arbeitet, sie, die ihre Grenzen ausprobiert und zur Schule geht – müssen so reden, daß es jeder hören kann: Der Regisseur kennt sich aus mit der Sprache der Jugend. Manuela Reichart