Eine Vision wurde Wirklichkeit, doch der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe

Von Josef Joffe und Dietrich Strothmann

„Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.“

König David, Psalm 85

An Torheiten herrschte in der letzten Woche vor dem Frieden kein Mangel im Lande des Heils und der Heiligen. Nur Tage vor dem entgültigen Rückzug der Israelis aus dem Sinai drohte blinde, bornierte Gewalt, drohte der Frieden zwischen Israel und Ägypten zur Farce zu werden.

Bis zur letzten Minute feilschten israelische Unterhändler um den letzten Zentimeter Sinai-Boden – buchstäblich: Der Zank geht um ein paar hundert Quadratmeter Sandstrand am Golf von Eilat, welche die Israelis auf ihrer Seite der Friedensgrenze wähnen. Je näher der 25. April rückte, desto lauter erhoben sich die Stimmen im Jerusalemer Kabinett, die eine Verschiebung der Rest-Räumung forderten. Derweil nehmen die blutigen Unruhen auf der besetzten Westbank kein Ende, und in der Geisterstadt Jamit am Ausgang des Gaza-Streifens drohen jüdische Ultras mit dem Mord – an sich selbst. „Stürmt ihr den Bunker“, so ihre Warnung an die israelische Armee, „nehmen wir uns das Leben.“

Wieder einmal lastete die Bürde des Friedens auf amerikanischen Schultern – wie eh und je seit bald fünf Jahren, als Anwar el-Sadat mit seinem Vorstoß nach Jerusalem ein nahöstliches „Erdbeben“ auslöste (Mosche Dajan) und ihn die Israelis als „Ersten unter den Auserwählten“ feierten (Golda Meir). Wie einst Henry Kissinger und dann Jimmy Carter mußte Amerikas Vize-Außenminister Walter Stoessel zwischen Kairo und Jerusalem pendeln, um Ägyptern und Israelis allerletzte Konzessionen abzuquälen, um durch seine schiere Präsenz zu verhindern, daß die Armee des Judenstaates doch noch gegen die PLO-Verbände im Südlibanon losschlägt.