Von Dieter Buhl

Nun hat es ihn also doch erwischt, den Zauderer und Zögerer, der sich bis vor kurzem noch gegen den Schub nach oben sträubte. Johannes Rau wirkte immer glaubhaft, wenn er beteuerte, im Lande bleiben und dort redlich Politik betreiben zu wollen. Schließlich ist es mehr als eine Nebenbeschäftigung, Regierung und Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen zu führen. Aber die Partei rief, und Rau meldete sich zur Stelle. Wer auch sonst hätte in dieser Situation stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender werden sollen?

Die Reaktionen beweisen, welch richtige Wahl die SPD getroffen hat. So viel Zustimmung wie bei dieser Entscheidung hat die Partei seit langem nicht mehr erlebt. Eine Aufhellung scheint sich im düsteren Erscheinungsbild der Sozialdemokratie abzuzeichnen. Wo so lange hämische oder bange Fragen nach der sozialdemokratischen Führungsreserve gestellt wurden, gibt es plötzlich wenigstens eine überzeugende Antwort.

Erdnah, wie er ist, wird die neue Rolle als Hoffnungsträger der SPD auch Johannes Rau selbst nicht wenig erstaunen. So einfach haben es ihm seine heimischen Genossen nie gemacht, soviel Vertrauensvorschuß ist ihm aus den eigenen Reihen nie entgegengebracht worden, daß er jetzt die höheren sozialdemokratischen Weihen als eine Selbstverständlichkeit empfangen könnte. Zwar verlief seine Karriere gradlinig, aber Rau mußte doch manche schwierige Hürde nehmen. Während eines Vierteljahrhunderts Parteimitgliedschaft schaffte es Rau, vom Jungsozialistenführer und Oberbürgermeister in Wuppertal zum SPD-Fraktionsvorsitzenden im Düsseldorfer Landtag, dann zum Wissenschaftsminister und schließlich zum Chef der nordrheinwestfälischen SPD und Ministerpräsidenten aufzusteigen. Vor allem die letzten beiden Positionen sind ihm jedoch von der Partei nicht geschenkt worden. Er mußte sie unter großen Mühen gegen so beeindruckende Konkurrenten wie Friedhelm Farthmann und Diether Posser erringen.

Besonders seine Parteifreunde von der Ruhr haben sich lange Zeit nicht leichtgetan mit der Frohnatur aus dem Bergischen. Kam da nicht jemand, dem die rauhe Arbeitswelt des Reviers fremd war, der eine zu flinke Zunge und zu wenig Stallgeruch besaß? Seine politische Lehrzeit in der Gesamtdeutschen Volkspartei Gustav Heinemanns wies den Predigersohn und gelernten Buchhändler in den Augen vieler Sozialdemokraten auch nicht gerade als den geborenen len, seine politische Missionsarbeit vom Land auf tie aus.

Inzwischen hat Johannes Rau die Vorbehalte ausgeräumt. Das Glück, das ihm in seiner politischen Laufbahn oft zur Seite stand, half ihm auch bei der Überzeugungsarbeit in den eigenen Reihen: Es bescherte ihm mit einem unerwartet hohen Erfolg bei den Landtagswahlen vor zwei Jahren den überzeugendsten Befähigungsnachweis für die Genossen.

Seither hat der Ministerpräsident und SPD-Chef das getan, was ihm jetzt eine Führungsstellung in der Bundespolitik bescherte: Er hat das politische Feld Nordrhein-Westfalens beackert – unermüdlich, ausdauernd und mit Zuversicht. Seine Reisen in Städte und Dörfer, seine Besuche bei Alten und Jungen haben sich für ihn ausgezahlt. Trotz einer riesigen Verschuldung des Landes, trotz Strukturkrise und Arbeitslosigkeits-Rekord im Ruhrgebiet ist Johannes Rau bei den Wählern populär geblieben, beliebter als jeder andere Politiker.