Von Nina Grunenberg

München, im April

Nur einem Liebhaber des schwarzen Humors, einem von allen guten Geistern verlassenen Funktionär konnte das Olympia-Zentrum in München als Tagungsort für den sozialdemokratischen Parteitag einfallen. Als Bundeskanzler Helmut Schmidt mehrere Ebenen unter die Erde durch Heizungskeller, Sportlerkabinen und Duschräume zu seinem provisorischen Arbeitszimmer geführt würde, fragte er mißtrauisch: "Bringt ihr mich jetzt auf den Lokus?"

Die Dimensionen des Amphitheaters, in denen das Plenum tagte, sind dafür um so gewaltiger, wenn auch nicht wirtlicher. Rennfahrer lassen sich hier beflügeln, Popmusiker entfesseln. Die CSU, eine erfahrene Partei in der Inszenierung von Volksbelustigungen, hat Franz Josef Strauß zu seinem 65. Geburtstag unter der gläsernen Zeltdachkonstruktion vierspännig vorfahren lassen. Die Akustik des Olympia-Zentrums ist für Heerschauen und Ovationen wie geschaffen – doch nicht für den belegten Ton der Selbstkritik, den leisen Ton von Bekenntnis und Hoffnung, den trotzigem Ton der Durchhalteparolen, den die nach München geschlichenen Sozialdemokraten noch aus sich herausbrachten. Im Olympia-Zentrum hörte sich das mitunter an, als wenn Ertrinkende gurgeln, bevor sie endgültig versinken.

Nestwärme ade: Das "Wir-Gefühl", nach dem der Bundeskanzler so dringend verlangte – "Manchmal fühlt man sich im staatlichen Amte ziemlich allein", gestand er den Genossen spröde –, konnte sich in München nur schwer einstellen. Dabei gab sich Willy Brandt unendliche, fast rührende Mühe, so zu tun, als wäre noch alles wie früher und als gäbe es den Widerspruch zwischen Vorstandselite und Genossenschaftsveranstaltung nicht. Wieder und wieder begab er sich vom Olymp, auf dem die Bosse der Partei thronten, in die Niederungen der Delegierten, nickend in die Runde grüßend, ungezählten Parteifreunden Schultern und Rücken klopfend. Am ersten Tag verausgabte er sich so sehr, daß er am Abend nur noch wie Louis Armstrong raunte. Auf dem Weg zum Parkplatz meinte ein junger Kommunalbeamter aus dem bayerischen Schwabach traurig: "Wissen’s, unsere Obergenossen sind mit den Nerven ganz schön fertig."

Die vielen tausend Friedensfreunde, die am Samstag zuvor in stundenlangen Demonstrationsmärschen versucht hatten, München zur Hauptstadt einer "anderen Bewegung" zu machen, vorneweg Pastor Heinrich Aloertz, der den Demonstranten versprochen hatte, in den Parteitag "hineinzuschreien": "Hört uns endlich in letzter Stunde, verratet nicht noch einmal euer letztes Ziel! Setzt nicht auf tausendfachen Tod und Vernichtung!" – Sie alle wären um ein paar Illusionen ärmer, aber vielleicht auch um ein bißchen Barmherzigkeit reicher geworden, wenn sie gesehen hätten, wie sich die Genossen quälen: Verbraucht, wie sie nach dreizehn Jahren Regierung sind, gesundheitlich angeschlagen, müde, alt geworden, kaputt, verfilzt, nicht nur der Pflicht, sondern auch dem schönen Leben zugetan, ohne neue Ideen und Visionen, mitten in der Krise trotz allem doch nicht krisenwillig.

Dazu reichte die Disziplin der Sozialdemokraten in München noch allemal. "Ehrlich gesagt", so Willy Brandt in seiner Rede gleich zu Beginn, "mir hängt der Mißbrauch des Wortes Krise eigentlich zum Halse heraus. Es gibt bei uns Deutschen eine Neigung, sich im Krisengefühl zu baden. Seien wir ehrlich: Das Leben ist eine Kette von Krisen, gewiß auch von Ängsten. Die Lebensrisiken früherer Zeiten haben sich begrenzen lassen, und unsere Politik hat damit zu tun. Aber es bleibt wichtig, professionellen Krisenschwätzern, Profiteuren des Zerfalls, Ausbeutern apokalyptischer Ängste – wir sind nicht weit vom Amtssitz des CSU-Vorsitzenden – nicht das Feld zu überlassen."