Im ersten Teil des Hamburger Konzerts bleiben die einzelnen Elemente aus den unterschiedlichen Phasen von Davis merkwürdig starr nebeneinander stehen. Die oberschülerhaften Soli der Mitspieler langweilen. Doch in der zweiten Hälfte, viel gelassener angegangen als die erste, findet das Sextett mit ruhigeren Themen plötzlich zusammen – die Jahrzehnte verbinden sich, die Musiker reagieren aufeinander, Davis bläst lange, wunderschöne Soli, und durch den Mythos beginnt die Musik hindurchzuschimmern, so, als wollte Davis sagen: Hört her, was ich geleistet habe, was wollt ihr noch mehr von mir! Mit einem sanften, kinderliedhaften Thema klingt das Konzert aus, mehr wäre jetzt ein Bruch. Hinter dem Mythos ist der Musiker hervorgekommen: Der ganze Miles Davis ist wieder unter uns.

Ralph Quinke