Washington, im April

Auf mehr als vier Tage hatte Außenminister Haig seine zweite Verhandlungsrunde in Buenos Aires ausgedehnt. Nichts konnte ihn von seiner Vermittlungsaufgabe abbringen, weder die argentinische Junta, die verbissen an ihren Positionen hängt, noch der Chor seiner Kritiker, die ihm mangelnden Blick für die Prioritäten seines Amtes und unziemliche Übertreibung des ehrlichen Maklertums vorwerfen. Ob sich sein riskanter Einsatz gelohnt hat, muß sich erst noch erweisen. „Hochseilakt ohne Netz“ nannte es ein erfahrener europäischer Diplomat.

Haigs eigene Analyse der Lage ist nicht bekannt. Auch über die Mittel und Hebel, deren er sich in den Verhandlungen mit der Junta bediente, herrscht Ungewißheit. Der republikanische Senator Larry Pressler hat beredte Klage darüber geführt, daß die Falkland-Krise nun schon zwanzig Tage dauere, die Regierung Reagan aber nicht einen einzigen Kongreßausschuß vertraulich informiert habe, mit welchen „Verlandlungs-Chips“ der Außenminister eigentlich operiere. War es Druck und die Drohung mit offener und voller amerikanischer Unterstützung für die britische Flotte, die den argentinischen Außenminister Costa Mendez nun plötzlich von „gewissen Optionen“ in der Souveränitätsfrage reden läßt?

Die Tatsache, daß Präsident Reagan in einem fast einstündigem Telephonat General Galtieri von der Besetzung der Inselgruppe nicht abbringen konnte, dürfte Haig klargemacht haben, wie grundverschieden das strategische Denken und die strategischen Interessen der beiden Länder sind, wie wenig sie voneinander wissen. Zum amerikanischen Einflußgebiet hat Argentinien nie gehört, Das wußte man während der beiden Weltkriege und danach. Das bewiesen die Argentinier, als sie gegen Carters Embargo in großem Stil das Getreidegeschäft mit der Sowjetunion aufzogen und von dort für ihre Reaktoren das angereicherte Uran bekamen, das die Amerikaner nur gegen Beitritt Argentiniens zum Nichtverbreitungsvertrag abgeben wollten. Die Regierung Reagan glaubte den Schlüssel zu besseren Beziehungen gefunden zu haben, indem sie die Menschenrechts-Verletzungen nachsichtiger als Carter beurteilte; sie glaubte, eine Interessen- und Aktionsgemeinschaft mit Buenos Aires zur Eindämmung der linken Aufstandsbewegungen in Zentralamerika so gut wie gegründet zu haben.

Noch drei Wochen vor der Invasion schwärmte der Staatssekretär für lateinamerikanische Angelegenheiten, Thomas Enders, nach umfassenden Gesprächen in Buenos Aires, beide Länder seien nunmehr „auf der Suche nach dem anderen“. Ahnunmehr hielt sich noch am 1. April, am Tage vor der Invasion, der Chef der US-Navy, Admiral Hayward, zu militärischen Kontaktgesprächen in der argentinischen Hauptstadt auf. Seit der Machtübernahme von General Galtieri hatte sich ein Strom amerikanischer Besucher nach Buenos Aires ergossen. So verheißungsvoll schien dieses neue Werken Washingtons, daß der Militärattache an der argentinischen Botschaft der Junta gekabelt haben soll, die Regierung Reagan werde einer Invasion der Falkland-Inseln vermutlich Verständnis entgegenbringen.

Was den amerikanischen Beobachtern und Besuchern offenbar entgangen war, ist das Maß an Emotionen, das die Junta für die Besetzung der Falkland-Inseln mobilisieren konnte. Niemand hatte damit gerechnet, daß El Salvador und Nicaragua für die Junta plötzlich bedeutungslos würden. Eine dritte Überraschung erleben viele Amerikaner jetzt, da sie sehen, wie viele lateinamerikanische Staaten für Argentinien Partei ergreifen,

Außenminister Costa Mendez hat eine Sondersitzung der „Organisation Amerikanischer Staaten“ beantragt – wie es heißt, mit der Absicht, den Vertrag von Rio aus dem Jahre 1947 anzurufen. Einundzwanzig Unterzeichner, darunter die USA, haben sich darin militärischen und wirtschaftlichen Beistand versprochen, sollte einer der Partner von einer Macht außerhalb der Hemisphäre angegriffen werden. Vierzehn Stimmen wären erforderlich, um den Vertrag zu aktivieren, Argentinische Quellen behaupten, auf elf Länder gönnten sie jetzt schon rechnen. Für Washington eine prekäre Situation: hier der Pakt von Rio, dort die Verpflichtung aus dem Nato-Vertrag.