Alt-Kommunisten und Alt-Preußen muß es das Herz umkehren: Der deutsche „Arbeiter- und Bauernstaat“ hält es im 33. Jahre seiner Existenz für angemessen, den Marschall-Titel einzuführen. Nach dem kaiserlichen „Weltmarschall“ und dem nationalsozialistischen „Reichsmarschall“ nun also ein „Marschall der DDR“.

An dieser hochgemuten Sprach- und Titelschöpfung läßt sich das Elend der deutschen Nation ablesen. Denn nicht die fortschrittlichen Traditionen der deutschen Geschichte, auf die sich die Nationale Volksarmee gern beruft, standen Pate. Es war das sowjetische Vorbild, das die Ostberliner Genossen nicht länger ruhen ließ. Der 70. Geburtstag des Staatsratsvorsitzenden naht, und so mag es sich denn fügen, daß Marschall Breschnjew dem Marschall Honecker gratulieren darf.

Das Wort „Marschall“ ist deutschen Ursprungs – „le maréchal“ und „field marshall“ sind davon abgeleitet. Zunächst war der „marahshalk“ nichts weiter als der „Schalk der Mähren“, ein Pferdeknecht. An den Höfen und in den Ritterheeren des Mittelalters wuchsen ihm allmählich verantwortungsvolle Aufgabe zu: vom Stall- über den Zeremonienmeister bis zum Reisemarschall und Führer der Vorhut. In der Landsknechtzeit avancierte der „Feldmarschalck“ zum Kommandeur der Reisigen: er befehligte das „Feld“ der Reiterei und sollte möglichst „ein Adeliche hochberühmbte erfahrne, geschickte und wol beredte Person“ sein. Über sich hatte er den Obersten.

Auf dem Umweg über das Frankreich Ludwigs XIV. kam der Titel als Dienstgrad, nunmehr als der höchste, an den brandenburgischen Hof zurück: Otto Christoph Freiherr von Sparr war – unter dem Großen Kurfürsten – der erste deutsche General-Feldmarschall. Die deutsche Militärgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts wartet mit einer langen Reihe von Feldmarschällen auf: hochgebildeten wie Gneisenau, Moltke und Goltz, draufgängerischen wie Ziethen und Blücher („Marschall Vorwärts“), populären wie Wrangel und Radetzky, politisierenden wie Manteuffel und Waldersee.

Die Inflation und die Entwürdigung des Feldmarschalls setzte erst unter der Nazi-Diktatur ein. Hitler verlieh diese Würde – samt juwelenbesetzten Marschallstäben und hohen Dotationen – gleich dutzendweise. Dafür ließen sich die Geehrten denn auch wie Pferdeknechte behandeln. Einer wurde am Fleischerhaken erhängt, ein anderer mußte die Giftkapsel zerbeißen.

Nicht weniger rüde ging Stalin mit den Sowjetmarschällen um: Einige ließ er in den Genickschuß-Keller führen, andere beorderte er durch Fingerschnipsen zum Nachfüllen der Wodkagläser.

Hier wie dort war die Absicht die gleiche: die obersten Militärs zu gefügigen Dienern der Diktatur zu machen. Neuerdings kommt Prestigesucht dazu: Vor dem hochkarätigen Glanz des Marschallsterns soll der graue Alltag des realen Sozialismus verblassen. kj.