ARD, Sonntag, 18. April: „Chor der GefangenenNachruf auf die Opernstreiks, Film von Walter Bittermann

Seit dem vergangenen Sonntag wissen wir, was ein Chorsänger an der Bayerischen Staatsoper verdient, wieviel Urlaub ihm zusteht und wie seine Arbeitsbedingungen sind. Wir sind darüber aufgeklärt worden, daß eine Dame oder ein Herr aus dem ersten Opernchor des Freistaats Bayern zwei Jahre lang singen muß, um sich im Besitz jener Summe zu sehen, die der Prinzipal des Hauses bei Gelegenheit einer einzigen Gastregie seinem Konto zuschlagen kann.

Wir kennen, gleichfalls seit dem vergangenen Sonntag, die Rivalitäten, die erstens zwischen Chorsängern und Orchestermitgliedern, zweitens zwischen Kollektiv- und Einzelsängern, drittens zwischen Chormitgliedern und Statisten, viertens, und vor allem, zwischen aufmüpfigen und eher demütig veranlagten, streitbaren und lammfrommen, gewerkschaftlich argumentierenden und beamtentreu gesinnten Chormitgliedern bestehen. Da gibt es offenbar Fehden hinter den Kulissen, von deren Erbitterung sich das Publikum kaum eine Vorstellung macht; da sind Binnenstreite, Eifersüchteleien, Kleinkriege und Rankünen an der Tagesordnung.

Jawohl, ich habe viel gelernt aus Walter Bittermanns Film über Glanz und Elend von Sängern, die sich nicht damit abfinden wollen, und das zu Recht, wenn sie für den Herrn Regisseur nur ein Zehntel Baß, aber kein Künstler sind, der unter anderem auch über einen Namen verfügt, so gut wie der Heldentenor oder die Primadonna. Ich weiß mehr als bisher vom Schicksal derer, die „Ich hatte keine Nerven“ sagen oder „Die Sicherheit hatte Vorrang und niemals zugeben mögen: „Es hat nicht gereicht.“

Und trotzdem habe ich nicht genug erfahren – und das aus einem einzigen Grund: Dem Filmemacher Bittermann fehlte diesmal die Perspektive, aus der heraus er das Problem Sorgen von Kunstangestellten hätte lösen können. Kunst-Angestellter: ist das nicht ein Widerspruch in sich? Das Ordentliche, Wackere, Biedere, Brave, Rechtschaffen-Redliche: wie verträgt sich das mit dem Exorbitanten, auf das Kunst von vornherein abzielt? Andererseits aber: Ist die Summe der Rechtschaffenen nicht unendlich viel mehr als ein Haufen von Solisten zweiter Garnitur? Darüber wäre zu reden gewesen: aus solidarischer Kritik heraus. Doch eben daran fehlte es dem Bittermannschen Film – an der konsequent durchgehaltenen Perspektive. Hier hatte sich einer zu Recht geärgert über Schikanen, Drehverbote und kleinliche Aufnahmevorschriften von Seiten aller Parteien – und folglich holte er zum Rundumschlag aus gegen die singenden Nebenbeiverdiener vom Chor, gegen die Braven, die nicht mit dem Bösen in einem und demselben Bild gezeigt sein wollten, gegen den in Geldkrisen verkehrenden Herrn, der sich seiner Choristen-Existenz schämte und nur von hinten gezeigt werden durfte, gegen die hochnäsigen Orchestermusiker und gegen den forschen Herrn Intendanten.

Selbst wenn das Ganze, vom Flüsterauftritt des bayerischen Chors bis hin zu den Garderobenfehden, nur ein Schwank gewesen wäre (es war in Wahrheit weit mehr) – Schwanke können, um als solche erkennbar zu werden, so wenig schwankhaft dargestellt werden, wie der Kitsch sich mit Hilfe des Kitsches entlarvt. Nicht Imitation, sondern Gegenläufigkeit, nicht genüßliche Nachzeichnung, sondern strenge und distanzierte Darstellung tut not, wo es gilt, Bild und Karikatur voneinander zu trennen, Momos