Hamover: „Horst Antes – Im Zeichen der Hopi“

Er umgibt seine Kunstfigur mit Leitern, Kugeln und Reifen. Antes läßt sie neben einem Gebetsstab knien und in einem Wald von jugendstiligen Stahlblumen. Oder sie hockt in einem metallenen Kasten, zusammen mit einem Paar totenwächterhafter Männlein und einer federgeschmückten Schlange. Sie ist stumm, wie die Dinge, mit denen sie den Raum teilt. Was sie tut aber ist unbedingt bedeutungsvoll. Hält sie auf einem Bild eine Blüte in der Hand, so fragt man sich nicht: Will sie daran riechen – wird sie eine Vase suchen? Ohne Zweifel hat sie etwas derart Naheliegendes nicht im Sinn. Sie kniet, hockt, steht, tut etwas, sozusagen ein für allemal. „Ein Kopf kann eine ganze Welt beinhalten“, sagt Antes. Oft sammelt er seine Bildzeichen in großen Kopfgefäßen. Und aus solchen Plastiken hat er nun kopfförmige Gemälde entwickelt. Am Anfang, bemerkte er einmal, habe er die Figur „wie ein Stück Haut über den Keilrahmen gespannt“. In den Bildobjekten von 1981/82 gibt ihr Profil dem Rahmen Gestalt. Parallel dazu entstanden sind figürliche Massenszenen: „97+107 Figuren“, „232 Figuren“. (Der Schöpfer, immerhin, behält die Übersicht über seine Saat.) „Im Zeichen der Hopi“ ist das Motto der Ausstellung. Antes interessiert sich leidenschaftlich für die Kultur dieses Stammes nordamerikanischer Pueblo-Indianer. Er sammelt ihre Bildwerke und verwendet bei seiner Arbeit ihre traditionellen Symbole als suggestive Ausdrucksträger. Vor allem die gehörnte Wasserschlange erweist sich als vielfältig nutzbar – in der Malerei und in der Plastik, einzeln und als Herdentier. Bemerkenswert, weil für Antes vollkommen ungewöhnlich, sind die Zeichnungen und Mischtechniken, die den Eindruck der Kunst der australischen Ureinwohner verarbeiten. Da läßt sich der Maler-Plastiker von einem Zustand kreativer Unschuld einnehmen. Seine „Australier“ und „Australierinnen“ sind archaische Schlangenmenschen, die sich, mal suchend, zögernd, mal geschwind, übers Papier bewegen. Wobei in den ornamentalen Füllungen ihr organisches Innenleben offenliegt. Man darf ganz sicher sein, daß der Künstler Aber der primitivistischen Eskapade seine bewährte Figur nicht aus den Augen verlieren wird. Aber von einem solchen Ausflug bringt er ihr etwas mit, was ihr Gesicht wieder ein wenig verändert. (Galerie Brusberg bis 8. Mai)

Volker Bauermeister

Köln: „Italienische Maler ab Bühnenbildner 1915-1930“

Schienenstrang Moskau-Mailand. Im Stakkato der Lokomotivgetriebe jagen sich die Schlagworte: Divisionismus, Rayonismus, Suprematismus, futuristisches Manifest. Kubistische Dingzerlegung, Strahlendiagramme – im Hymnus auf die Schönheit von Dynamik und Technik als Übermittler eines neuen Raum-Zeit-Gefühls und im Ruf nach Wiedererstellung des Universums aus dem Geist des Futurismus findet sich die Internationale der Künstler, der Bühnenbildner. Aus der Exaltation des Überdimensionalen nun auf Marionettentheaterformat gestutzt: Szenenmodelle, Aquarellskizzen, Figurinen aus der „Galleria Nationale d’Arte Moderna e Contemporana“ – ein Memento der Europa durchquerenden Futuristenausstellung von 1912 (erste Station war die Berliner Akademie der Künste). 80 avantgardistische Konzepte nach dem Diktat Wsewolod Meyerholds, der vom Schauspieler „Transparenz der psychologischen Zustände und physiologischen Prozesse durch Anpassung an die industrielle Situation“fordert. „Denn er wird in einer Gesellschaft arbeiten, in der die Arbeit nicht länger als Fluch, sondern als freudige, lebenswichtige Notwendigkeit betrachtet wird.“ Hammerschwingende Roboter aus Werkzeugteilen in Deperos „Plastischen Komplexen“; sein aus Zahnrädern, Abflußrohren und kippenden Wolkenkratzern zusammengeschweißtes „Neues Babylon“ New York; Ballas szenische Aktionen der „synoptischen Mimik“;die tale Abstraktion durch rhythmische Lichtarchitektur zielenden Experimente Prampolinis skizzieren das Programm vom „polyexpressiven futuristischen Theater“. Suggestive Farbeffekte und wütendes Crescendo aufjaulender Motoren animierten die russischen Tänzer Ikar und Ivanov. Zu den Klängen von Satie, Strawinsky, Maeterlinck forderten die Choreographen Kostümpanzer mit den Synkopenstößen des Auspuffs. Doch gegen totale Verpuppung der Höhlenmenschen in „plastischen Tänzen“, aus der Retorte eines Pannaggi, Depuro, Balla, revoltiert die für geometrische Präzision und Bewegungsmechanik nicht geschaffene Natur. Schon in Diaghilevs „Ballets Russes“ überwindet der Homo ludens den Homunculus. Aus der Verkrustung hervor brechen Valentes Waldgeschöpfe, in ihrer erotisierenden Eleganz wie von Bakst inspiriert, und leiten über zu Chiricos geschürzten Jünglingen aus der Phase seiner mit den Zitaten der Antike spielenden Pittura metafisica der zwanziger Jahre. Nach Mussolinis Machtergreifung, 1925, stellt sich auch die Bühnenbildnerei auf den „Romanismo“ genannten pseudoklassizistischen Stil ein: Säule, Bogen, Stufen – so Cambellotti für Aischylos „Sieben gegen Theben“ und Paladinis „Palast des Mondkönigs“ – Einfügung der steingewordenen Relikte des Futurismo in die pathetische Architekturideologie des Faschismus. (Italienisches Kulturinstitut bis 30. 4., anschließend Bremen, danach Remagen-Rolandseck; Katalog deutsch-italienisch 20 Mark) Ursula Voß

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Die Pferde von San Marco“ (Martin-Gropius-Bau bis 9. Katalog 25 Mark)