Von Hans Schueler

Gut drei Monate lang arbeiteten Meinungsforscher des Godesberger Instituts für angewandte Sozialwissenschaften (Infas) an der Auswertung einer Repräsentativumfrage, die sie im Dezember vergangenen Jahres über die Ansichten und Einstellungen der Bundesdeutschen zu Ausländerproblemen gemacht hatten. Das dieser Tage vorgelegte Ergebnis ist so erschütternd, daß der Auftraggeber der Umfrage – das Bundespresseamt – es am liebsten für sich behalten hätte: 49 Prozent der Bundesbürger sind mehr oder minder offen ausländerfeindlich. "Überwiegend distanziert und ambivalent gegenüber Ausländern" gaben sich 22 Prozent. Nur ein gutes Viertel der Befragten – 29 Prozent – wird mit dem Prädikat "ausländerfreundlich" bedacht.

Doch macht der Bericht auch bei ihnen deutliche Vorbehalte. Sie seien zwar auf der "Einstellungsebene" wohlwollend, und ihre Bereitschaft, integrationsfördernden Maßnahmen zuzustimmen, sei sehr hoch. Indes: "Auf der "Verhaltens ebene‘ ist die mittlere beziehungsweise negative Kategorie am stärksten besetzt. Diese Gruppe steht also den Ausländern und ihren Problemen verbal sehr offen gegenüber, will sich aber gewissermaßen persönlich auf Distanz halten oder hat mit Ausländern wenig zu tun."

Bei allen drei Gruppen, der feindlichen, der freundlichen und der distanzierten, haben die Befrager jeweils zwischen allgemeiner Einstellung, Verhalten und politischer Meinung unterschieden. Die Fragen zur Einstellung wurden den Probanden in der Form von teils mit Vorurteilen behafteten, teils bewußt falschen Behauptungen unterbreitet. Gradmesser für Ausländerfeindlichkeit war hierbei das jeweilige Maß spontaner Zustimmung.

Einige typische Reizthesen: "Ausländer sind schuld an hoher Kriminalität" (87 Prozent Zustimmung in der Feindgruppe; die Behauptung ist falsch). – "Man fühlt sich nicht wohl wegen der vielen Ausländer" (88 Prozent Zustimmung in der Feindgruppe; die Behauptung appelliert an Ressentiments). – "Viele Asylanten sind nur Wirtschaftsasylanten" (96 Prozent Zustimmung in der Feindgruppe; die Behauptung ist im Grundsatz richtig, aber völlig undifferenziert). – "Ausländer belästigen deutsche Frauen" (71 Prozent Zustimmung in der Feindgruppe; tatsächlich sind ausländische Männer gegenüber deutschen Frauen zurückhaltender als deutsche).

Die Fragen nach dem Verhalten zielten auf Kontakte, Kontaktwünsche und eigene Erfahrungen im Umgang mit Ausländern. Dabei ergab sich erwartungsgemäß, daß die Ausländerfeinde am wenigsten Kontakte unterhalten, keine Kontakte wünschen und ihre feindselige Einstellung auf so gut wie keine persönliche Erfahrung stützen können. Überraschend war deshalb die bei der Feindgruppe besonders stark ausgeprägte – subjektive – Überzeugung (86 Prozent), über Ausländerprobleme ausreichend informiert zu sein. Von den ausländerfreundlichen Bürgern halten sich nur 21 Prozent für gut informiert, obwohl 77 Prozent Kontakte mit Ausländern pflegen; 89 Prozent berichteten von guten Erfahrungen im Umgang mit ihnen. An diesen Indikatoren wird die Irrationalität der ablehnenden Haltung gegenüber "Fremdvölkischen" im eigenen Lande besonders deutlich.

Bemerkenswert sind auch die Erhebungen über die Sozialstruktur in den drei Gruppen, unterteilt nach Alter, Schulbildung, politischer Einstellung und Wirtschaftserwartung. Grunderkenntnis: Die Ausländerfeindlichkeit nimmt mit dem Lebensalter zu und mit dem Grad der Schulbildung ab. Jugendliche unter zwanzig Jahren sind in ihrer absoluten Mehrheit ausländerfreundlich, obgleich sie mit jungen Türken und Jugoslawen um knappe Lehrstellen konkurrieren müssen; die Rentner hingegen stellen 65 Prozent der Ausländerfeinde – und dies, obwohl es zwischen ihnen und den Gastarbeitern keinen Streit um Arbeitsplätze gibt.