Von Peter Coulmas

Sich selbst zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen, ist vieler Menschen liebste Beschäftigung, der – jedenfalls öffentlich – nachzugehen sie ich aus Gründen der Bescheidenheit scheuen. Um so lieber untersuchen sie sich im Spiegel ihrer Nationalität. Auch nach der unübersehbaren Flut von Deutschland-Büchern aus Anlaß des 30jährigen Bestehens der Bundesrepublik – im vergangenen Jahr fortgesetzt mit der nicht weniger unübersehbaren Preußen-Literatur – liegen Neuerscheinungen zum Thema vor. Zwei höchst ungleichartige und ungleiche Veröffentlichungen befassen sich mit den Deutschen, wie sie sich selbst sehen und wie sie von anderen gesehen werden.

Das eine ist eine verspätete Fortsetzung und Ergänzung der unter dem Titel: „Dreißig Jahre danach“ erschienen, fast festschriftartigen Sammlung des damaligen Bundespräsidenten Scheel. In ihr stellen auch diesmal hervorragende Autoren nach den politisch-gesellschaftlichen die mehr kulturbezogenen Aspekte deutschen Lebens dar – unter einem preziösen, aber für die Beiträge nicht eben konstitutiven Titel:

Walter Scheel (Hrsg.): „Die andere deutsche Frage. Kultur und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland nach dreißig Jahren“; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1981; 344 S., 28,– DM.

Die zweite Sammlung ist eine Fremdbesichtigung der Bundesrepublik aus der Feder von 29 in Bonn akkreditierten Auslandskorrespondenten, die als geeignete Kenner ihres Gegenstandes ausgewiesen erscheinen. Das Ergebnis ihrer schriftstellerischen Bemühungen entspricht nicht den damit erweckten Erwartungen:

Jaura/Fürböck/Pond/Grigoriants (Hrsg.): „Der gefesselte Riese. Die Bundesrepublik aus der Sicht ausländischer Korrespondenten“; Econ Verlag, Düsseldorf; 298 S., 38,– DM.

In der Einleitung macht Walter Scheel, gleichsam als Resümee, auf mancherlei Züge des deutschen Nationalcharakters aufmerksam, „die rechthaberische und larmoyante Wehleidigkeit unserer Kultur, ihr erkennbarer Mangel an Selbstdistanz, an Ironie, an Humor“, die allesamt nicht Anlaß sein können, „auf unsere Neurosen stolz zu sein“. Die – naturgemäß – sehr zufällig nebeneinander stehenden, großenteils schon längst vorveröffentlichten Aufsätze von unterschiedlichen Geistern lassen sich freilich nicht unter eine verbindende und verbindliche Leitlidee subsumieren; sie sind nicht Stücke eines einheitlichen kompositorischen Willens, fügen sich höchstens zu einem kaleidoskopartigen Bild.