Von Fritz J. Raddatz

Der kleinste Besucher brauchte zwei große Zeitungspacken Spartakus, um die Brüstung des Mäuerchens zu erreichen, auf der er mit Kieselsteinen Murmeln spielte: Der Berliner Steppke gab vielleicht das eindringlichste Bild ab auf der Dahlemer Trauerfeier für Robert Havemann.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn stand eine endlose Schlange junger Leute vor dem hoffnungslos überfüllten Gemeindesaal der Martin-Niemöller-Kirche, in den sich knapp tausend Menschen zu drängen suchten. Vom Podium – auf dem unter anderen Peter Brandt, Jürgen Fuchs und Rudolf Bahro saßen – war kaum mehr zu sehen als das große Banner-Emblem mit den Worten des Propheten Micha "Schwerter zu Pflugscharen". War es das, was die Menschen gekommen waren zu sehen – einen Propheten?

Etwas seltsam Schweigendes, Gläubiges prägte die Atmosphäre, eine Mischung aus sonntagsvormittäglichem Familienbesuch und Seminar. Mit Sicherheit hatten sehr wenige die theoretischen Arbeiten Havemanns gelesen (so wenig die Vor-Generation ihren Marcuse wirklich gelesen hatte) – sie trauerten um eine Symbolfigur, ohne Gesten der Militanz; die trotzige Sozialisten-Faust von Peter Brandt, tags zuvor bei der Beerdigung in Grünheide am Grabe gereckt wie seinerzeit Dutschke für Holger Meins, wirkte fast deplaziert, und ein Plakat mit demselben Satz, den Dutschke damals prägte – "Robert, der Kampf geht weiter" – einsam. Eher schien der kleine Satz der neunjährigen Havemann-Tochter Franziska, den sie jüngst, als sie in der Schule Panzer malen mußte, unter ihre Zeichnungen gesetzt hatte, das Motto zu sein: "Panzer töten Menschen."

Havemann, der noch in der letzten Fernsehaufnahme kurz vor seinem Tod Biermann um die Strophen "Soldat, Soldat in grauer Norm / Soldat, Soldat in Uniform / ... I Soldaten sehn sich alle gleich / lebendig und als Leich’" gebeten hatte, wurde an diesem eisig-klaren Vormittag offensichtlich nicht begriffen als Häretiker des marxistischen Dogmas, sondern als Vaterfigur der Friedensbewegung. "Heere machen aus jungen Menschen Untertanen", diesem Havemann-Zitat, das Jürgen Fuchs in einer bewegenden kurzen Ansprache vortrug, wurde stürmisch applaudiert. "Er hat uns Jüngeren die Angst genommen – auch die Angst vor den Herrschenden; das Geheimnis um sie muß weg, als seien sie besonders, andere Menschen als wir – ohne Geheimnis sind sie ohne Macht." Diese kleine, ganz zögernd vorgetragene postume Liebeserklärung gab wohl dem Gefühl der Versammlung Stimme, bei der viel von Liebesfähigkeit und Freundlichkeit des Weg-Gekerkerten die Rede war. Gelegentlich schien sie durchaus auf als Naivität – etwa in Exzerpten aus letzten Briefen Havemanns, die Hartmut Jäckel preisgab: "Nach dem, was in Polen begann, wird die Welt nie wieder so sein wie zuvor" – eine Naivität, mehr Illusion als Utopie. Das gehörte zur Arbeit Robert Havemanns seit je – und es gehört, als große Gebärde der Hoffnung, wohl auch zu der gleichsam inbrünstigen Erwartung seiner jungen Gefolgsleute. Es scheint, als sei der rationale Impetus zum "Mit-, Gegen- und Weiterdenken", wie der aus der DDR ausgewiesene Schriftsteller Thomas Erwin ihn ins Zentrum der Havemannschen Begriffswelt rückte, gar nicht die wichtigste Kategorie. Gewiß – auch dies Havemanns steter Balance-Akt zwischen Utopie und Illusion – hatte Peter Brandt recht, wenn er die große Anstrengung zu einer Rehabilitation des Sozialismus hervorhob. Havemann war ein Denker, kein Prediger.

Aber die da saßen, strickten, Kinder fütterten, Hunde streichelten; die da mal hinausgingen, sich die Beine vertreten, eine Zigarette rauchen, mit Freunden klönen – die band etwas anderes zusammen; das waren weder Marxismus-Dissidenten noch Protagonisten. Insofern wirkte der italienische Havemann-Interpret Aldo Natoli mit einer schier endlosen Rede, die nach zwanzig Minuten Vortragens der bekannten Lebensdaten immer noch im Jahre 1935 hielt, wie der auf jeder Beerdigung gefürchtete Onkel Aldi aus der Laubenkolonie Rote Dahlie, der immer von der gemeinsamen Konfirmation schwadroniert; "wißt ihr noch, wie Tante Luises Pfirsichtorte Klitsch geworden war..."

Nicht diese Familienbande aber saß und stand hier; denn auch dieses an Peter Brandt adressierte Telegramm war nicht Familieneigentum: "Ich weiß mich mit denen verbunden, unabhängig von dem, was sonst trennen mag, die um Robert Havemann trauern, sein Ringen um den Frieden wird ebenso unvergessen bleiben wie sein kompromißloser Antifaschismus und seine Suche nach sozialistischer Demokratie." Unterschrieben war es von Willy Brandt. Die Anwesenden wirkten wie eine Gemeinde. Wenn der französische Gastredner Georges Casalis Havemann in die "Saints laïques" einreihte, dann hatte er mit diesem Heroentitel der französischen Aufklärung genau den Ton getroffen.