Von Karl Forster

Wie ein nasser Sack hängt Günter auf dem Stuhl. Der orangefarbene Overall ist durchgeschwitzt. Die glatten, dunklen Haare kleben in der Stirn. Die letzten beiden Zugaben haben ihn geschafft. Während sich in dem zum Umkleideraum umfunktionierten Café die anderen sieben der „Hallucination Company“ langsam aus den Kostümen schälen und abschminken, sitzt Günter stumm da und denkt nach, warum der Hansi nicht gekommen ist. Warum Hansi, der Star der Truppe, die „Company“ im Stich gelassen hat. Sicher, der Auftritt ging gut über die Bühne, die Leute haben, wie gewohnt, getobt und sich die Kehle heiser geschrien. „Zugabe, Zugabe“. Aber Hansi war nicht dabei, und die beste Zugabe, jenes phantastische Drama zweier sich versöhnender Mafiosi unter dem alten „Stones“-Titel „I’ve been lovin’ you, I can’t stop now“ war nicht zu machen, weil einer der Gangster von Hansi gespielt wird. Dumpf hängt im Hirn die Ahnung, Hansi könnte Probleme mit der Nadel haben... Trotzdem war es letztlich ein Auftritt, ein „Gig“ im Musikerjargon, wie jeder andere.

Acht Stunden Fahrt von Wien bis in das kleine Nest Gersdorf zwischen Ingolstadt und Nürnberg, in dem ein paar Verrückte (oder Idealisten oder beides zusammen) ein Rock-Zentrum namens „Traum-Fabrik“ aufgebaut haben. Ein Termin, der günstig liegt, weil am nächsten Tag eine Nürnberger Bühne die „Company“ verpflichtet hat. Zwei Gigs von Wien nach Nordbayern, 800 Kilometer einfach: für zweimal 60 Mark pro Nase. Das ist Musikeralltag der „Hallucination Company“.

Für Günter hat dieser Alltag bereits um drei Uhr morgens begonnen. Zusammen mit den Roadies und den Technikern ist er in dem alten Bus mitgefahren. „Sicher, ein bißchen schlafen geht schon“, sagt er zwölf Stunden später, als sie gerade angekommen waren. Wer ihm in die Augen sieht, merkt, daß „ein bißchen schlafen“ zu wenig war.

„Mensch Speedy, do Oaschloch, paß auf!“ Der rauhe Ton soll die Müdigkeit vertreiben. Die riesigen Boxen, die sie aus dem Bus über eine Rampe auf die Bühne schleppen, sind nach unzähligen Auftritten an den Ecken abgewetzt. An die 5000 Mark kostet allein ein vernünftiger Hochtöner. Speedy und die anderen passen höllisch auf, daß innen nichts herunterfällt. Ich möchte nicht wissen, wie sie versichert sind.

Auf der ungefähr acht Meter breiten Bühne in dem noch eiskalten Saal wachsen die Boxentürme, unten die Baßlautsprecher, dann die Strahlerboxen und obenauf die Hochtöner. Am Seiten- und Hinterrand werden Rohrgestänge für das Licht zusammengesteckt und verschraubt. Dann die hundert Einzelteile für die Drums, die Verstärker für Baß und Gitarre, vor die auf kleinen Stativen die Mikros für das Mischpult gestellt werden. Nach zwei Stunden steht die Bühne. Die Roadies trinken Cognac mit Cola. Es ist finster geworden. „Um fünf Uhr kommen die Herren und Damen Stars“, ulkt Speedy. Eifersucht auf die Protagonisten? Wer ihn hernach sieht beim Auftritt, wie er an der Bühne kauert und sorgsam darüber wacht, daß keiner der Fans ein Mikro umstößt, daß die Kabel richtig laufen, daß kein Lautsprecher rückkoppelt, merkt, daß Speedy nicht eifersüchtig ist. Er gehört zur „Company“.

„Viermal bin ich schon ausgestiegen“, sagt Speedy, mit bürgerlichem Namen Erwin. Er hat Riesen gelegt, hier und da gejobbt. „Aber des is wiara Gummi, der di zruckziagt.“ Um fünf kommt der Bus mit den „Herren und Damen“. Acht sollten aussteigen, denn neun sind es, zusammen mit Günter. Aber nur sieben sind dabei, Hansi Lang fehlt. Die Stimmung verrät, daß ein bißchen was kaputtgegangen ist zwischen Hansi, dem Star, dem Alleskönner und den anderen, Auch sie sind Schauspieler, Musiker, Alleskönner.