London, im April

Die Reaktionen der Briten auf die Falkland-Krise sind wechselhaft wie das hiesige Wetter. An der Londoner Börse schwanken die Aktienkurse um bis zu zehn Punkte in einer einzigen Stunde, je nachdem, ob gute oder schlechte Nachrichten eintreffen. Frau Thatchers inneres Kabinett tagt immer wieder, die Diskussionen sind von großem Ernst getragen. Zwar findet Frau Thatcher die von Außenminister Haig übermitteltem argentinischen Vorschläge "auf den ersten Blick unzulänglich" – aber damit hat sie die Tür zu einer friedlichen Lösung wenigstens einen Spalt weit offengelassen. Das ist auch nötig; denn die Falkland-Affäre hat in diesen Tagen in der internationalen Politik wie in der britischen Innenpolitik schon manches durcheinander gewirbelt.

Plötzlich tauchen Fragen auf, die bisher nur nebensächlich behandelt wurden. Was wird aus Großbritanniens verbleibenden Kolonien? Wie werden sich die britisch-südamerikanischen Beziehungen entwickeln? Vor allem aber: Wie steht es um das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten? Die britisch-amerikanische special relationship ist ja schon lange nicht mehr das, was sie einmal war. Eine Umfrage entdeckte kürzlich fast ebenso viele Amerika-Gegner wie Amerika-Freunde in England; dabei wurde viel mehr Abneigung gegen Amerika sichtbar als in anderen Ländern Europas. Präsident Reagans Versuch, im Falkland-Disput "ausgewogen" zu bleiben, hat in London viel böses Blut gemacht, und der Ärger über das Diner der amerikanischen UN-Botschafterin Kirkpatrick bei den Argentiniern am Abend nach der Falkland-Invasion wird so bald nicht vergessen werden. "Was hättet ihr gesagt, wenn ich am Tag der Geiselnahme bei den Iranern diniert hätte?" fragte verbittert der britische Botschafter in Washington.

Das alles ist nicht leicht zu nehmen. Es verstärkt die europäisch-amerikanische Entfremdung. Außenminister Haig, so heißt es in London, sei der letzte Pro-Europäer in Washington, und wenn seine Mission fehlschlüge, sei es wohl auch mit ihm vorbei.

Nun ist der Vermittlungsversuch bislang nicht fehlgeschlagen. Noch wird verhandelt. Solange die Chance für eine friedliche Lösung besteht, bleiben die Briten sich weitgehend einig. Von der extremen Linken der Labour Party abgesehen, die man bei solchen Gelegenheiten getrost abschreiben kann, weil sie niemanden von Bedeutung vertritt, sind alle der Meinung: Es war richtig, aus einer Position der Stärke zu verhandeln. Oppositionsführer Foot, der sich selbst als Peacemonger, als "Friedenstreiber" bezeichnet, hat im Unterhaus noch einmal mit aller Deutlichkeit festgestellt: Natürlich mußte die britische Flotte in den Südatlantik geschickt werden, denn das ist die einzige Sprache, die Diktatoren verstehen.

Nur: Die Flotte? ist jetzt im Südatlantik. Sollten die Verhandlungen bald zum Erfolg führen, fiele kein Schuß. Andernfalls aber könnte sich die Position der Stärke schnell in die Notwendigkeit der Aktion verwandeln. Die britischen Kriegsschiffe können schwerlich wochenlang in der selbstgeschaffenen 200-Meilen-Zone dümpeln. Schon in den nächsten Tagen könnte es zu Gefechten kommen. Und über diese Aussicht scheiden sich die Geister in Großbritannien.

Frau Thatcher ist offenbar bereit, die Inseln auch unter Opfern zurückzuerobern. In dieser Bereitschaft liegt auch die Stärke der britischen Position (und die Schwierigkeit von Alexander Haig). Die Mehrzahl der Briten teilt die Vorstellungen der Premierministerin nicht. Das Volk will die Inseln wiederhaben, aber ohne Blutvergießen. Und wenn das nicht möglich ist? Die Bürger zucken die Achseln, und die Politiker fangen an, Rückzugspositionen aufzubauen.