Von Dieter Biallas

Der 5. Februar ist in Tansania ein staatlicher Feiertag. Im Jahre 1967 wurde an diesem Tag mit der „Arusha-Deklaration“ die politische Zukunftsvision des Landes verkündet, der tansanische Sozialismus. Die Feiern dieses Jahres wurden wiederum in Arusha abgehalten. Die inzwischen normierte Inszenierung des Staatsschauspiels erregte eher Spott und Murren als Bewunderung. Tage vorher fiel die Schule aus, die Kinder wurden im Stadion versammelt, um die Formationen zum Bild der zukunftsfrohen Staatsjugend einzuüben; vorsorglich waren neue Schuluniformen und Schuhe frei verteilt worden. Bis in die Dunkelheit herrschte in Arusha emsiges Treiben. Fahnenschmuck breitete sich über die Stadt, längst erloschene Laternen erstrahlten wieder, man kehrte die Wege und räumte eilig Abfälle fort. Die Landstraßen zu den Orten feierlicher Grundsteinlegungen wurden für besternte Limousinen befahrbar gemacht. Politische Prominenz bevölkerte die großen Hotels. Auch für den kleinen Mann fiel etwas ab. Eine kurze Weile lang gab es in den Läden einige Mangelwaren wie Margarine, Zucker, Seife, Taschenlampenbatterien.

Vom Geist des Ortes beflügelt zog Staatspräsident Mwalimu (= Lehrer) Nyerere etwas ausführlicher Bilanz als sonst. Diese unterschied sich kaum von jener, die Nyerere am zehnten Jahrestag der Arusha-Deklaration zog: Unser sozialistisches Modell hat sich bewährt, auch wenn wir von unseren Zielen noch weit entfernt sind. Wir haben uns wacker geschlagen angesichts einer widrigen Weltwirtschaft, wir alle müssen hart arbeiten und Entbehrungen ertragen, vor allem müssen wir uns auf unsere eigenen Kräfte besinnen. Der gleiche Tenor beherrschte 15 Jahre lang die Sonntagsreden, und die Tansanier sind dessen überdrüssig geworden. Sie haben beständig den Gürtel enger schnallen müssen. Der Verzicht war die zuverlässigste Vorhersage.

Wie in vielen Entwicklungsländern, so stehen auch in Tansania Ziele und Ergebnisse der Politik zuweilen im paradoxen Verhältnis zueinander. Was tut die Entwicklungshilfe dazu?

„Die Länder der Dritten Welt sollten sich nach eigenen Fortschrittsleitbildern entwickeln“ wünschte sich die Bundesregierung in ihren entwicklungspolitischen Leitsätzen von 1980. Beim Entwurf solcher Zukunftsgemälde ist Tansania ein Musterland. Die Arusha-Deklaration enthält neben einem überzogenen und vielgescholtenen Bekenntnis zur Staatswirtschaft manche Ziele, die allgemein begrüßt werden: die Stärkung der Landwirtschaft als den wichtigsten Träger der allgemeinen Entwicklung, den Kampf gegen Hunger, Krankheit, Obdachlosigkeit und Unwissenheit – Befriedigung der Grundbedürfnisse nennen dies die Entwicklungssoziologen heutzutage – und als Kern: das Prinzip der Selbstverantwortlichkeit (self – reliance).

Danach müssen die westlichen Leistungen für die Entwicklung vom Lande selbst aufgebracht werden, dies vor allem durch die Anstrengungen der Menschen für ihre unmittelbare Umgebung, nicht so sehr durch staatliche oder gar fremdfinanzierte Projekte. Die Schule, der Brunnen, die Krankenstation, das Parteibüro sollen von den Dorfbewohnern selbst gebaut werden. „Gifts and loans endanger our independance“ (Geschenke und Darlehen gefährden unsere Unabhängigkeit) warnt die Arusha-Deklaration. Die Menschen allerdings haben es lieber, wenn sie Geschenke erhalten. Entwicklungsplanung in Dörfern, Distrikten und Regionen verläuft meist so: Man denkt sich etwas Schönes aus und hält nach einem „donor“, nach einem Schenker Ausschau, wenn es etwas Größeres sein soll nach einer „friendly nation“. Meist wird die Hoffnung auch erfüllt.

Auto oder Fahrrad?