Die freundliche Bilanz eines Engländers

Von Carl-Christian Kaiser

Sich in fremden Spiegeln zu prüfen, ist allemal von Reiz – und natürlich angenehm, wenn sie ein freundliches Bild wiedergeben. Das gilt ziemlich sicher für einen altgedienten englischen Beobachter, lange Jahre Bonner Korrespondent des Manchester Guardian, der sich in Büchern und Artikeln immer wieder über den Nachkriegsstaat Bundesrepublik geäußert und nun ein neues vorgelegt hat:

Terence Prittie: „Kanzler in Deutschland. Vom ,Alten‘ zum ,Macher‘“; Verlag Ernst Klett, Stuttgart 1981; 300 S., 28,– DM.

Über die Kanzler Adenauer und Brandt hat Prittie schon ausführlich geschrieben. Nichts lag deshalb näher, als die Galerie zu vervollständigen und bis zum jüngsten Bonner Regierungschef zu spannen. Und da finden wir, von so vielen aktuellen Zweifeln und Bedrängnissen umgetrieben, von einem Kanzler regiert, der es unlängst glaubte auf die Vertrauensfrage hat ankommen lassen zu müssen, am Ende ein dickes Lob: Nach den ersten dreißig Jahren der Bundesrepublik könne man nur sagen, daß sie mit ihren Regierenden wirklich Gluck gehabt habe – Männer mit Intelligenz, Verständnis und hingegeben an ihre Aufgaben.

Mehr noch: Ein Buch über die Bundesrepublik ist für Terence Prittie „ein Buch über die Hoffnung“. Denn diese ehedem so unheimlichen Deutschen sind für ihn in Gewohnheiten und Interessen, in Denkweise und Selbsteinschätzung ihren europäischen Nachbarn sehr ähnlich geworden. Ihre Rückkehr zu normalem Verhalten gilt ihm als „möglicherweise ... allergrößte Leistung“ der Republik. Noch in den Problemen, mit denen sie sich gegenwärtig herumschlägt, mit Materialismus, Inflation, schwindendem Selbstvertrauen, mentaler Verkümmerung oder Empörung gegen die Autoritäten erkennt Prittie nichts als Normalität – Gefahren, die auch die anderen westlichen Demokratien bedrohen.

Das Urteil wird keineswegs jedermann teilen, schon gar nicht im Jahre 1982, zwei Jahre, nachdem das Buch in England Erschienen ist. Aber in Pritties Urteilen, geradezu jenseits britischen Understatements, richtig Zum Rotwerden, kehrt wieder, was ausländische Beobachter ein um das andere Mal mit gelinder Verwunderung konstatieren: daß die Westdeutschen mit ihrer Lage und ihren Verhältnissen: hadern, obwohl es ihnen vergleichsweise noch immer so gutgeht. Da erscheinen sie – ein Zitat, das Prittie zwar in einem anderen Zusammenhang verwendet, das aber den allgemeinen Befund ins Bild setzt – „wie ein Riese, der nach Flöhen sucht“.