Max Frischs neue Erzählung: Schlußstück eines epischen Triptychons

Von Hans Mayer

Freispruch mangels Beweis. Wie lebt einer damit? Ich bin vierundfünfzig."

Das steht auf der zweiten Seite des neuen Buches von

Max Frisch: "Blaubart – Eine Erzählung", Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1982; 172 S., 24,– DM.

Es ist eine perfekte Exposition, und nun wird wieder behauptet werden, der "Blaubart" sei im Grunde ein spätes Nachfolgewerk zum eigentlichen Werk, gleichsam ein remake nach dem Sprachgebrauch der Filmemacher. Wer aber genau liest, wird einen ganz anderen und neuen Max Frisch entdecken, konnte es übrigens schon merken, abermals beim genauen Lesen, als vor drei Jahren (1979) eine Erzählung erschienen war mit dem sonderbaren Titel: "Der Mensch erscheint im Holozän". Was man nach der Lektüre ergänzen mochte durch den Zusatz "und verschwindet wieder im Atomzeitalter".

Der jetzt siebzigjährige Max Frisch sieht anders, erlebt anders, bedenkt anderes als der Autor des frühen Tagebuchs aus den Nachkriegsjahren 1946 bis 1949, jener Keimzelle seines Œuvres bis etwa zum Roman "Mein Name sei Gantenbein" von 1964. Natürlich handelt es sich auch beim "Blaubart" um das Problem der Identität, allein davon handelt im Grunde alle Literatur, die einer schreibt, der sagen möchte, wie er leidet. Das Identitätsproblem wurde nicht von Max Frisch für die Literatur unserer Zeit erfunden. Was ihn von jeher bedrückte, so daß er darüber schreiben mußte, war der Kontrast zwischen dem Bild, das einer von sich selbst hat, und seinem Bild im Auge und Urteil der "Anderen".

Hinzu kommt in den späteren Arbeiten von Frisch das immer dringendere Fragen nach der Schuld der angeblich Schuldlosen. Wobei man bei sich selber beginnt. Im "Tagebuch 1966–1971", das man auch als remake abtun wollte, wenngleich es eigentlich nur die Tagebuchform gemeinsam hatte mit jenem Nachkriegs-Tagebuch, steht bereits der Satz: "Eine Anklage, wie gesagt, liegt nicht vor, wenn Sie sich nicht selber anklagen. Sie haben sich also damit begnügt, vergleichsweise schuldlos zu sein?" Diese Sätze könnten als Motto über der Erzählung "Blaubart" stehen.

Die Innenwelt und die anderen

Freigesprochen mangels Beweis. Wie lebt man damit? Hier bereits, in dieser Selbstaussage des von der Mordanklage freigesprochenen Züricher Internisten Dr. med. Felix Theodor Schaad, verwirren sich die Vorgänge. Das Obergericht in Zürich hatte bloß erkannt, der Angeklagte sei "der eingeklagten Straftat nicht schuldig und wird freigesprochen". Der Angklagte, innerlich geschüttelt vom Weinkrampf beim Anhören des Urteils, glaubt gehört zu haben: "Freispruch mangels Beweis". Man macht ihm klar, das gäbe es nicht nach schweizerischem Gesetz. Freigesprochen ist freigesprochen. "Wieso habe ich das gehört? Das kommt im Urteilsspruch nicht vor." Es kommt aber vor in der Innenwelt dessen, der nun frei nach Hause gehen kann, sogar eine hohe Entschädigung zugesprochen erhielt. Freigesprochen, ob wegen erwiesener Unschuld oder mangels Beweis, wie immer: Wie lebt man damit?

Was ist Schuld oder Unschuld? Nun erst, nach dem Freispruch, kommt der wirkliche Konflikt zum Ausbruch. Sowohl im Verhalten der Außenwelt zum freigesprochenen Dr. Schaad, wie auch in seiner Selbstbefragung. Freigesprochen oder nicht: Mit einem solchen Menschen kann man doch nicht mehr verkehren. Man war Mitglied eines feinen Segelklubs. Da wird man austreten müssen. Die Praxis kann man getrost verkaufen: Da machen die Patienten einen Bogen. "Mein Freispruch ist bekannt, aber man weiß zuviel über meine Person. Es war sogar schwierig, eine neue Arztgehilfin zu finden. Sie ist Jugoslawin."

Nein, er hat jene Rosalinde Z., seine frühere Frau, die nach einer Scheidung, wegen ihrer Liebschaften, zum Callgirl geworden war, nicht umgebracht. Sie war an einem Knebel erstickt, sollte außerdem durch den Täter noch mit einer Krawatte erdrosselt werden. Mit der Krawatte des Dr. Schaad, des Ehemannes von einst, der ein guter Freund geblieben war und oft zu Besuch kam, auch noch am Morgen des Mordtages. Seine Krawatte hing in der Garderobe. Was lag näher für die Staatsanwaltschaft, als einen Mord aus – nachträglicher – Eifersucht zu behaupten.

Schaad weiß sich unschuldig, und er beteuert auch vor Gericht diese Unschuld. Erst nach dem Freispruch, als das Gedächtnis alle Zeugenaussagen gespeichert hat und reproduziert, denn man hat jetzt Zeit genug zum Nachdenken, die Praxis ist leer, Billard und Alkohol helfen nur zeitweise: nun erst stellt sich die Frage nach der "vergleichsweisen" Unschuld. Oder nach einer Schuld, die nichts mit dem Mord an Rosalinde Z. zu tun haben muß, doch vielleicht gerade auch damit. Hat er, Dr. Felix Schaad, die Frau in und nach der Ehe dahin gebracht, daß ihr der wirkliche Mörder nahen konnte? Die Selbstanklage beginnt nach dem Freispruch.

Man muß sich das vorstellen: wochenlange Prozeßberichte. Ein mutmaßlicher Mörder aus der Oberschicht, ein Mann im weißen Kittel, und eine Luxusdirne, noch dazu die frühere Frau des "Mörders". Max Frisch war Prozeßbeobachter bei einem realen Züricher Mordprozeß, der freilich eine ganz andere Konstellation aufwies, dem er aber aufmerksam folgte. Wie verhält sich der Staatsanwalt, wie der Verteidiger, wie behandelt man Vorgänge des Geschlechtlichen vor Gericht, was ist eine Kinderaussage, wie sagen sie aus, die Freunde von einst?

Die verlorene Ehre des Dr. Felix Schaad

Die Erzählung "Blaubart" ist genau gearbeitet. Kein Simenon und keine Agatha Christie könnten es besser. Die Technik der Kriminalgeschichte, worüber Brecht und Bloch und Heißenbüttel und viele andere immer wieder nachgedacht haben, wird genau respektiert.

Der wirkliche Täter, ein griechischer Student, der in der Tat eifersüchtig war, in seiner Wut die Krawatte Schaads im Vorraum fand und nun rasend wurde, wird erst auf der letzten Seite und beiläufig kenntlich gemacht. Auf Seite 172. Nachträglich findet man auf Seite 23 einen Hinweis auf den Griechen. Er hatte eine Zeitlang bei Rosalinde Z. gewohnt, besaß einen Wohnungsschlüssel, während der Staatsanwalt annahm, nur Schaad habe einen besessen. Handwerklich gute Krimiarbeit.

Sie erst zwingt den Leser, mit Schaad, oder auch gegen ihn, die Schuldfrage zu stellen: gerade wenn man weiß, daß er nicht erdrosselt hat. Allein, da sind die Andern, und sie wissen viel in der Tat von einem Angeklagten, der sechsmal verheiratet war und geschieden wurde. Die siebente Ehe besteht zwar immer noch während des Prozesses, allein auch sie läuft auf Scheidung hinaus, wie man gegen das Ende hin erfährt. Die jetzige Frau Schaad, die siebente, sagte vor Gericht aus, sie habe ihren Mann, mit Hinblick auf seine sechs Eben, zärtlich als "Ritter Blaubart" tituliert. Das will der Staatsanwalt begreiflicherweise ganz genau wissen, und erfährt: "Weil er einmal gesagt hat, er habe schon sechs Gattinnen im Keller, und weil ich schließlich weiß, seine früheren Frauen leben nicht schlecht." Diese Aussage hat das Gedächtnis gespeichert. Sie wird bei der Selbstbefragung reproduziert und traurig ergänzt: "Ausgenommen Rosalinde Z."

Die Presse hatte sich das Blaubart-Thema von Herzen gegönnt. Auch die Überschriften werden genau erinnert: "Schaad ohne Alibi / Ritter Blaubart vor Gericht / Doktor mit sieben Ehen". Wie lebt einer damit?

Andorra und die Herzensträgheit

Statt den Dr. med. Schaad wieder einmal an die Seite der Herren Stiller und Gantenbein zu stellen, sollte man ihn vor allem als Bewohner von Andorra verstehen. Andorra liegt überall, durchaus nicht allein in der Schweiz. Auch das Seldwyla des Landsmannes und Vorbilds Gottfried Keller lag nicht bloß in der Schweiz, sondern – "vergleichsweise" – überall. In dem Theaterstück "Andorra" aus dem Jahre 1961 hatte Max Frisch demonstriert, wie mörderisch es zugehen kann, wenn einer vor den Leuten als schlimmer Außenseiter gilt, ohne es, auch im Sinne der Leute, wirklich zu sein. Die Erzählung "Blaubart" spielt das von neuem durch: Auch sie spielt in Andorra, unabhängig davon, daß sie in und um Zürich situiert wurde.

Andorra (und auch "Biedermänner") sind die auftretenden und erinnerten Zeugen. Jeder hat ein Bild vom Dr. Schaad, ein Bild der andorranischen Malerschule. Andorra ist überall, wo das Leben keinen Sinn- und Wertzusammenhang aufweist, so daß der einzelne seiner Herzensträgheit überlassen bleibt. Wie der Dr. Schaad mit seinen sechs oder sieben Ehen. Obwohl er kein kalter Rechner ist. Er hat sich um Krankenhäuser gekümmert, um Flüchtlinge, um die Hungersnot in Biafra, wo er drei Monate als Arzt zubrachte. Er hat recht, wenn er bitter konstatiert: "Schließlich besteht ja eine Biographie nicht bloß aus Ehen!"

Das ist eine gute Antwort an die Andorraner, doch nicht an sich selbst. Schaad konnte sich im Gerichtssaal innerlich empören, wenn die andorranischen Zeugen ihm die Tat entweder zutrauten oder aber, was schlimmer war, wortreich nicht zutrauten und bloß insgeheim zutrauten. Aber gab es wirklich keine Schuld?

Je stärker die Erzählung diesem entscheidenden Punkt sich nähert, um so mehr wandeln sich die erzählerischen Methoden. Die realen Zeugenaussagen vor Gericht, die das Gedächtnis aufbewahrte, werden ergänzt oder abgelöst durch imaginäre Aussagen. Schaad befragt seine toten Eltern, ein Gespräch des Lebenden mit der ermordeten Rosalinde Z. wird ausprobiert, doch die Tote antwortet ebensowenig wie jene andere Frau in Max Frischs dramatischem "Triptychon", die auch nur sagen konnte, was sie einstmals gesagt hatte: im Leben.

Hinter allen Dialogen aber, den echten und den imaginierten, kommt plötzlich Schuld hervor. Schaad hat nicht gemordet, aber konnte er sich eine solche Tat wirklich nicht zutrauen? Da gab es kleine Sadismen aus der Kindheit, da gab es, in den Ehen wie außerhalb, die Grausamkeiten des Alltags. Schlimmer noch: die Grausamkeiten durch verweigerte Hilfe. Als das erkannt wurde, bleibt wohl nur noch dies zu tun: entweder sich als Mörder der Rosalinde Z. zu bekennen, und zwar in dem Heimatdorf, wo die Mutter begraben liegt, oder/und sich selbst zu richten. Beides wird versucht und geht daneben. Den Mörder, jenen Griechen, hat man inzwischen gefunden, vielleicht hat er sich auch selbst gestellt. Und das Fahren gegen den Baum war einstweilen noch kein tödlicher Unfall.

Ein Ritter Blaubart, und auch wieder nicht. So wie der Don Juan bei Max Frisch einer gewesen war, und auch wieder nicht. Eine schöne neue Erzählung, die sich mit "Montauk" und "Holozän" ganz offensichtlich zum epischen Triptychon gerundet hat. Geschrieben in der schmucklosen und unverwechselbaren Prosa dieses Schillerpreisträgers, der seinen Schaad motiviert, wie weiland der große Moralist, seine Maria Stuart zum Tode gehen ließ. Als Verurteilte in einem ungerechten Prozeß, die jedoch eine Schuld sühnen will, eine Jugendschuld, derentwegen keine Anklage erhoben wurde: außer durch sie selbst.