Von Theo Sommer

Dreht die britische Flotte bei, dampft sie zurück nach Portsmouth? Ziehen die argentinischen Besatzungstruppen wieder von den Falkland-Inseln ab? Zahlt sich das anstrengende Pendeln des amerikanischen Außenministers Alexander Haig zwischen London und Buenos Aires am Ende aus? Oder gibt es doch noch einen Schießkrieg?

Die Stimmungen und Erwartungen haben in den letzten Tagen ständig gewechselt. Einmal überwogen die kriegerischen Aufwallungen. Manche Leitartikler beschworen Erinnerungen an die Skagerrak-Schlacht oder gar an die blutige Erstürmung Gallipolis im Ersten Weltkrieg herauf; andere fühlten sich zurückversetzt in den Oktober 1962, als Chruschtschows Raketenfrachter auf den amerikanischen Blockadering um Kuba zusteuerte. Dann wieder brach sich unvermittelt Hoffnung Bahn. Weder Briten noch Argentinier könnten einen offenen Konflikt wollen, ging die Überlegung; nach allem martialischen Gestikulieren werde sich schon die Bereitschaft zum Kompromiß durchsetzen. Aber die Drohkulisse blieb. Zugleich blieb der Zweifel, ob sich Kompromißbereitschaft, wo überhaupt vorhanden, am Verhandlungstisch auch ins verbindliche Kleingedruckte einer diplomatischen Übereinkunft werde übertragen lassen.

Die Frage drängt sich auf: War alles von Anfang an bloß viel zu viel Lärm um nichts? Den Deutschen mochte es zuweilen so vorgekommen sein. Wir sind – welch ein Glück! – unsere Kolonien 1919 beim Friedensschluß von Versailles losgeworden. Uns plagt keinerlei Sorge um den übriggebliebenen Sternenstaub eines versunkenen Weltreiches. Wenn wir jetzt den Briten Solidarität erwiesen haben, wie die übrigen Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft auch, so nicht aus Nostalgie, sondern aus Prinzipientreue. Gewaltverzicht ist das Kernstück der Bonner Diplomatie. Jegliche Gewaltausübung muß ihr zutiefst zuwider sein – und in diesem Falle ließ sich etwas dagegen tun. Zur Prinzipientreue gesellte sich die Bündnistreue. Die Briten hatten denn aus doppeltem Grunde nicht nur unsere Sympathie, sondern auch unsere Unterstützung. Die Wirtschaftssanktionen gegen Argentinien sind kein Pappenstiel.

Unterstützung trotz Skepsis

Diese Unterstützung wurde gewährt trotz mancherlei Skepsis, ob denn der Falkland-Streit die ganze ungeheure Veranstaltung des britischen Flottenaufmarsches wirklich wert sei; trotz des Eindrucks des Unwirklichen, fast Operettenhaften, der sich zuweilen – Peter Sellers läßt grüßen – unabweisbar aufdrängte; und trotz der Zweifelnden Frage, was eigentlich der Zweck der martialischen Übung sein soll: der Diplomatie zu dienen, ihr Nachdruck und Spielraum zu verschaffen oder sie – "Laßt Waffen sprechen" – beiseite zu schieben.

Die Skepsis unter dem Firnis der Solidarität ist verständlich. Ebenso verständlich ist die Sorge, daß die Falkland-Krise unverhältnismäßig viele Energien des Westens bindet, vor allem der westlichen Supermacht Amerika, und daß sich in ihrem Windschatten weltpolitische Verwerfungen von möglicherweise fataler Tragweite anbahnen.