willkommen in Murmansk“, verkündet ein schwedischsprachiger Prospekt der sowjetischen Touristikzentrale „Inturist“, doch ein Njet der sowjetischen Botschaft in Helsinki durchkreuzt die Absicht, noch weitere 1500 Kilometer nach Norden über Lappland in die große russische Stadt am Eismeer zu fahren. Nur schwedische, norwegische und finnische Staatsbürger sind dort zugelassen. Ein Visum nach Leningrad und Moskau wird jedoch kurzfristig zugesagt, Voraussetzung ist die entsprechende Hotelbuchung, Kategorie Luxus, rund 65 Mark pro Bett und Nacht, ohne Frühstück, aber einschließlich individueller Stadtführung.

Zehn Tage später an der finnisch-russischen Grenze bei Vaalimaa: kurze Paßkontrolle durch die an den grünen Mützen kenntlichen Grenzpolizisten der UdSSR. Ist das wirklich alles? Keineswegs, die eigentliche Grenzstation kommt ein Kilometer später. Die Pässe verschwinden für die nächste Stunde im Zollhaus; Wagen, Insassen und Gepäck werden einer peinlich genauen Kontrolle unterzogen. Ich falle unliebsam auf, denn die Bank des Rücksitzes läßt sich nicht entfernen. Auch ein von den ratlosen Zöllnern herbeigeholter Offizier scheitert an der Tücke des Objektes. Mit Händen und einem Schraubenzieher wird durch den Spalt zur Rückenlehne schließlich der Hohlraum unter dem Sitz abgetastet. Ein kleiner Hund kommt in den Wagen, um den Innenraum abzuschnüffeln, während ein anderer Grenzpolizist von außen Stück für Stück den Wagen abklopft und gleichzeitig einen großen Wolfshund rings um den Wagen schnuppern läßt. Die Hohlräume der Türen finden sein besonderes Interesse. Unter einer Abdichtung findet er endlich ein Loch, wo er seine Metallsonde ansetzen kann.

Das Gepäck haben wir inzwischen ausgeräumt und auf einer langen Bank aufgebaut. Der Kontrollbeamte stellt rasch fest, daß auch im Kulturbeutel und im Feldstecher keine verbotenen Dinge verborgen sind. Etwas ratlos blättert er in der Reiselektüre meiner Tochter, unter der Huxleys „Schöne neue Welt“ nicht gerade zur bevorzugten Lektüre des Gastlandes gehören dürfte. Gleichzeitig wird ein schwedischer Touristenbus abgefertigt und über einer Grube von unten mit starken Leuchten untersucht. Auf der tiefer liegenden Ausfahrtseite steht ein finnischer Langholztransporter. Ein Polizist hat eine Leiter angelegt und sucht zwischen den Stämmen mit einem Wolfshund von oben nach illegalen Grenzgängern.

Der internationale Führerschein, die grüne Versicherungskarte und die internationale Zulassung brauchen, obwohl theoretisch gefordert, nicht vorgelegt zu werden. Ich muß nur eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, daß ich den Wagen wieder aus dem Lande bringe und erhalte ein Merkblatt für den Autotouristen und einen Laufzettel, in dem für jeden Tag Ort und Hotel unserer Reise eingetragen sind. Endlich haben wir unsere Pässe wieder, das Gepäck ist verstaut, und wir werden in Gnaden entlassen, um nach einem weiteren Kilometer noch ein letztes Mal im Grenzbereich flüchtig kontrolliert zu werden. Kurz danach kommt die erste Tankstelle, an denen kein Mangel an den Hauptstraßen Rußlands besteht. Mit 58 Pfennigen für einen Liter 94-Oktan-Benzin ist die Sowjetunion für den Autofahrer das preiswerteste Land in Europa.

Die Straße führt weiter durch ein fast menschenleeres Waldgebiet. Einige Elche stehen gelangweilt am Straßenrand und freuen sich sichtlich über die Abwechslung und unser Interesse. Kurz vor Viborg, der ehemaligen Hauptstadt Kareliens, passieren wir nochmals einen Kontrollpunkt. Der Polizist auf dem Wachturm zeigt seinem Kollegen an der Straße mit den Fingern, daß drei Personen im Wagen sein müssen – nicht mehr und nicht weniger. Von Viborg an wird der Verkehr wesentlich lebhafter, denn wir fahren entlang der Leningrader Urlaubsküste. Die Namen der Seebäder Repino, Rasliw und Sestrorjezk tauchen auf den Straßenschildern auf. Bei strömendem Gewitterregen nehmen wir (laut Merkblatt eigentlich verboten!) zwei Pilzsammlerinnen mit, Leningrader Studentinnen, die beide gut Deutsch können. Aber das Gespräch verstummt sehr bald, als die beiden erfahren, aus welchem Teil Deutschlands wir kommen. Einen kurzen Halt an einem Eisstand benutzen sie, um wieder zu verschwinden.

Die Bebauung wird dichter, Wohnblocks und Industriebetriebe kündigen Leningrad an, und schließlich begleitet die Newa unseren Weg. Noch vor dem Zentrum mache ich meine erste Bekanntschaft mit der Verkehrspolizei. Das grüne Licht an einer Kreuzung des Kirow-Prospektes beginnt zu blinken. Ich fahre trotzdem weiter und muß vor dem Fußgängerstrom an der anderen Seite unvermittelt bremsen. Ein Polizist naht und zückt wortlos eine weiße Karte, auf der in allen Weltsprachen einschließlich japanisch steht: „Zeigen Sie Ihre Kfz-Papiere.“ Nach gründlicher Musterung kommt die nächste Karte: „Sie haben gegen die Verkehrsregeln verstoßen.“ Nachdem ich durch Nicken meine Schuld gestanden habe, folgt eine weitere Karte: „Zahlen Sie einen Rubel.“ Der erste Rubel rollt und wird durch ein Papier quittiert, das mir bestätigt, daß ich meine „Schtraf“ – mein Strafgeld – entrichtet habe. Es zeigt sich bald, daß der Russe vor allem als Fußgänger mit staunenswertem Individualismus die Verkehrsregeln ignoriert, auch angesichts der Polizei. Man muß sich als Kraftfahrer darauf einstellen. Im übrigen herrscht auf den Straßen Solidarität, wie zu Hause warnen uns entgegenkommende Fahrzeuge durch Blinken vor einer Polizeifalle.