Still ruht der See. Knapp zehn Minuten hat zum Beispiel am Wochenanfang die übliche Zusammenkunft der Bonner Pressekonferenz gedauert, mit stark gelichteten Reihen und nur über Randthemen, die dem stellvertretenden Regierungssprecher Lothar Rühl keine Mühe machten. So ist das immer, wenn Bonn woanders stattfindet – diesmal auf dem sozialdemokratischen Parteitag in München. Gäbe es nicht Walther Leisler Kieps Entschluß, sich nun ohne Wenn und Aber auf Hamburg zu werfen, die in der politischen Capitale zurückgebliebenen Auguren hätten keinerlei originären Gesprächsstoff.

Zwar läuft die politische Routine weiter: Das FDP-Präsidium hat getagt, die Opposition meldet sich mit allerhand Stellungnahmen zu Wort, der Bundesinnenminister nutzt die Zeit, um sich endlich einmal um ein sonst so untergeordnetes Thema wie die Kulturpolitik zu kümmern. Aber auch wer in Bonn Stallwache schiebt, blickt nach München wo eben alles versammelt ist, was in der Kanzlerpartei, auch wenn sie es letzthin immer, weniger sein wollte, Rang und Namen hat, und wo darüber gestritten wird, wie es denn nun weitergehen kann und soll in Bonn.

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Doch natürlich handelt es sich wieder einmal um Ruhe vor möglichem neuen Sturm. Wenn der Bundestag in der nächsten Woche, nach der Osterpause, wieder zusammentritt, wird er ein zusätzlicher Resonanzboden sein für die Münchner Ereignisse und Beschlüsse. Dann steht an, was inzwischen zwar mit aller amtlichen Sprachkunst von einer Kabinettsumbildung zu einem „Kabinettsmitgliederwechsel“ herabgestuft worden ist, aber die Gemüter nach wie vor ungemein beschäftigt. Und am Ende der kommenden Woche werden auch die Sachprobleme wieder mit aller Schärfe zutage treten: Wenn die CDU/CSU-Mehrheit im Bundesrat abermals den Daumen über dem Beschäftigungspaket der Regierung senkt. Dann wird es, im Vermittlungsausschuß, wohl in den entscheidenden Clinch gehen.

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Vor dem Münchener Treffen ihres Regierungspartners haben die Liberalen – teils dezent, teils deutlich – ihre Haltung noch einmal umrissen: Sie bleibt ambivalent. Daß die Arbeitslosigkeit nur durch konsequente Marktwirtschaftspolitik bekämpft werden könne, diese Bekräftigung war die vorbeugende Botschaft aus dem freidemokratischen Präsidium. Im Fernsehen hat Hans-Dietrich Genscher die alte Sentenz Walter Scheels unterstrichen: „Die Sachprobleme suchen sich ihre Koalition,“ Und bei der vielberufeneh „Wende“ in der Politik müsse es bleiben.

Auf der anderen Seite aber hat zum Beispiel Torsten Wolfgramm, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, unter ausdrücklicher Berufung auf seinen Fraktionsvorsitzenden Wolf gang Mischnick konstatiert, daß die Koalition durchaus bis 1984 und sogar darüber hinaus halten könne, wenn sie, namentlich die SPD, ihre Sache nur wieder gut mache.