Als der Sozialist Bülent Ecevit wegen Verstoßes gegen das „Maulkorb-Dekret 52“ – das Politikern nach dem Militärputsch vom September 1980 Meinungsäußerungen untersagt – zur Jahreswende für zwei Monate ins Gefängnis mußte, schien er diese Gelegenheit nutzen zu wollen, um sich als politischer Märtyrer profilieren. Nun sieht es so aus, als sollte es ihm wirklich an den Kragen gehen.

Am 9. April war Ecevit wegen eines angeblichen Interviews mit der norwegischen Zeitung Arbeiterbladet festgenommen, einen Tag später jedoch freigelassen worden: Wenige Stunden darauf wurde er wieder verhaftet, diesmal wegen Äußerungen, gegenüber der britischen Radiogesellschaft BBC. Ecevit bestreitet in beiden Fällen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Fest steht, daß sowohl Arbeiderbladet auch die BBC Teile von Interviews übernommen haben, die Ecevit einer niederländischen TV-Station sowie dem Spiegel gegeben hatte.

Ecevit soll nun für längere Zeit aus dem Verkehr gezogen werden. Das Manöver gegen den einzigen Vertreter des ehemaligen politischen Establishments, der noch öffentlich seine Stimme gegen die Generäle zu erheben wagte, deutet auch auf eine Machtverschiebung innerhalb der Junta hin: der „Falke“ General Nuretin Ersin macht Staatschef Kenan Evren zunehmend Konkurrenz. L. v. St.