Die Autoarbeiter haben im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen keine echten Einbußen

Die Mehrheit war denkbar knapp: Nur 52 Prozent der Arbeiter bei General Motors, dem größten Automobilproduzenten der Welt, stimmten letzte Woche der Aufhebung des laufenden Tarifvertrages und damit für zweieinhalb Jahre einem Verzicht auf bereits vereinbarte Lohnerhöhungen zu. Bei dem Konkurrenten Ford hatten sich wenige Wochen zuvor Dreiviertel der Arbeiterschaft mit einer ähnlichen Übereinkunft einverstanden erklärt.

Für den Gewerkschaftsführer Douglas A. Fraser, Präsident der amerikanischen United Automobile Worders (UAW) war das Ergebnis denn auch enttäuschend. Schließlich hatte die Gewerkschaft dem Unternehmen erhebliche Zugeständnisse abgehandelt und deshalb auf eine Zustimmung von mindestens siebzig Prozent gehofft.

Eine solche massive Mehrheit wäre für Fraser und seine Funktionäre wichtig gewesen als Bestätigung einer neuen Gewerkschaftspolitik, die mit den Ford- und GM-Verträgen eingeleitet worden ist. „Mit diesem Vertrag“, so sagte UAW-Chefunterhändler Warren, „beginnt ein neues Kapitel in der amerikanischen Arbeiterbewegung. Der Vertrag signalisiert deutlich, daß wir einen neuen Weg einschlagen – weg von der Konfrontation und hin zur Zusammenarbeit.“

Mit anderen Worten: Die Automobilarbeitergewerkschaft fördert Mitsprache im Unternehmen, ist aber gleichzeitig auch bereit, Mitverantwortung zu übernehmen. Denn der neue Weg soll zu einer „neuen Allianz führen, deren Ziel es ist, unseren Produkten eine wettbewerbsfähige Überlegenheit und all unseren Beschäftigten ihren Arbeitsplatz zu sichern“ (Warren).

Die Automobilarbeiter, die in der Vergangenheit schon mehrfach eine Pionierrolle innerhalb der amerikanischen Gewerkschaftsorganisation übernommen haben, wenden sich damit ab von der „Brot-und-Butter-Politik“, die bisher ihre Einstellung bestimmt hat – und bei den meisten anderen Gewerkschaften auch heute noch bestimmend ist.

Tarifverhandlungen gingen in der Vergangenheit einfach darum, von den Unternehmen höhere Löhne und höhere Sozialleistungen zu ertrotzen. Diesmal, so UAW-Funktionär Bieber, „lag den Arbeitern zum erstenmal ein Vertrag zur Abstimmung vor, der sowohl Konzessionen (der Gewerkschaft) als auch Vorteile (für die Arbeiter); enthält“.