Von Erika Martens

Er war nicht nur ein großer Dichter und Denker, der berühmte Johann Wolfgang von Goethe, der vor nunmehr 150 Jahren starb. Er war auch ein großer Weinfreund – und ein Kenner obendrein. Die Chronisten wissen viele Geschichten davon zu erzählen, zum Beispiel diese: Als man dem sterbenden Goethe ein letztes Glas Wein reichte, galt seine Sorge vor allem einem: "Ihr habt mir doch keinen Zucker in den Wein getan?"

Eine berechtigte Frage, damals wie heute, denn die Weinpanscherei hat eine lange Tradition. Die Skepsis des Weinkenners allerdings gilt längst nicht mehr allein der illegalen Zuckerung. Inzwischen weiß man, daß deutscher Wein auch mit schlichtem Leitungswasser vedünnt, mit italienischem Most verlängert, mit Glyzerin "geschönt" oder einfach unter falschem Namen verkauft wird – und diese Liste ließe sich mühelos fortsetzen.

Die Branche freilich entschuldigt solche Verfehlungen noch immer mit dem Hinweis, dies sei lediglich das sicherlich verwerfliche Tun einiger weniger schwarzer Schafe. Und die gäbe es schließlich überall. Beim Flüssigzuckerskandal zum Beispiel, der den deutschen Wein vor gut einem Jahr in Verruf brachte, habe die Staatsanwaltschaft zwar 2500 Verfahren angestrengt. Dieser Skandal habe aber nur einen Anteil von rund drei Prozent der gesamten deutschen Weinbauern betroffen.

Aber das bedeutet nicht, daß dies auch die wahre Zahl der Sünder ist. Rechtsanwalt Carlos Schulz-Knappe, Geschäftsführer zweier regionaler Weinkellereiverbände und Prozeßvertreter vieler Weinpanscher, verteidigte kürzlich einen Mandanten vor Gericht mit dem Hinweis, die Mehrzahl der weinerzeugenden Betriebe in Rheinland-Pfalz verwende trotz des gesetzlichen Verbots Zucker zur Anreicherung von Prädikatsweinen. Dem "Nestbeschmutzer" schlug eine Welle der Empörung entgegen. Und der Richter kommentierte entrüstet: "Wenn die Winzer wie die Juden eine beleidigungsfähige Gruppe wären, könnten Sie sich vor Beleidigungsklagen nicht mehr retten."

Zwar bestreitet auch Schulz-Knappe nicht, daß es noch immer viele ehrliche Weinbauern gibt. Doch nach seiner Einschätzung hat sich die Weinbranche "erheblich weiter als andere Wirtschaftszweige vom Recht entfernt". Und die Praxis liefert Beispiele für seine These. Jüngster Fall: Die Affäre um die sogenannte "Germanisierung". Noch weiß niemand Genaueres über das Ausmaß dieses Betrugs. Der zuständige Oberstaatsanwalt Werner Hempler schätzt, daß in den letzten beiden Jahren zwischen sechs und zehn Millionen Liter ausländischen Tafelweins, vornehmlich italienischer Herkunft, mit heimischem Most verschnitten und mit beträchtlichem Gewinn als deutscher Wein auf den Markt gebracht worden sind.

Dabei bezieht sich diese Schätzung nur auf die siebzehn Händler und Winzer, die bisher zum Täterkreis gezählt werden können. Schulz-Knappe spricht denn auch von einer ganz anderen Größenordnung. Er vermutet, daß in den letzten fünf bis sechs Jahren rund eine Milliarde Liter Auslandswein in deutschen Rebensaft geflossen ist – eine Menge, so der Anwalt, die sich ganz bequem unterbringen lasse. Dies würde in etwa einem Fünftel der gesamten deutschen Weinernte in diesem Zeitraum entsprechen. Und die SPD-Landtagsabgeordnete von Rheinland-Pfalz, Hilde Kerner, fürchtet, daß "noch keiner weiß, wo das Ende der Fahnenstange" ist.