Mehr als nur eine Geste: Jetzt, da der Wahlkampf in Hamburg richtig losgeht, hat Walther Leisler Kiep, als Vorturner der CDU hoch oben auf dem Trapez, das Netz abnehmen lassen. Vom Montag nächster Woche an wird er nicht mehr dem Bundestag angehören und damit auch nicht mehr als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union Helmut Kohl zur Seite stehen. Schafft er im Juni den Sprung auf den Bürgermeistersessel nicht, zieht er als simpler Abgeordneter in die Bürgerschaft ein.

Ohne Netz und doppelten Boden anzutreten, das hat die derzeitige Nummer eins in Hamburg, Klaus von Dohnanyi, nie gewagt. In Rheinland-Pfalz kandidierte er zwar für die SPD, beugte sich aber nie unter das Joch eines Oppositionsführers. Das Bonner Parkett lockte ihn mehr. Das hat auch Alfred Dregger in Hessen nie gewagt. Er eilte nach seinen erfolglosen Bemühungen um den Sessel des Ministerpräsidenten immer wieder ganz schnell nach Bonn. Auf den Oppositionsbänken im Bundeshaus sitzt es sich eben nicht nur bequemer – von ihnen aus läßt sich auch eher Applaus kassieren.

Nur einer, der in Bonn schon sehr weit gekommen war, hat in letzter Zeit seine politische Karriere mit dem längerfristigen Engagement an einem Ort verknüpft: Hans-Jochen Vogel. Will Kiep es ihm gleichtun, nicht nur ein Gastspiel geben, sondern die ganze Saison aushalten? Will er einen Beweis der Treue und des Durchhaltevermögens liefern? Möchte er der Parteienverdrossenheit und der Abwanderung zu den Grünen/Alternativen entgegenwirken?

Oder waren es ganz andere Gründe, die Kiep veranlaßten, in Hamburg zu bleiben? Hat Kohl etwa Kiep abgeschoben? Einen Konkurrenten weggelobt, der in der Spendenaffäre belastet wurde? Kiep scheint seine Entscheidung nüchtern durchdacht zu haben.

Selbst bei einem vorzeitigen Regierungswechsel würde er nicht nach Bonn zurückkehren, versprach er. Ein Versprechen, das ihm derzeit leichtgefallen sein mag: In einer möglichen Koalition zwischen Union und FDP wäre das Auswärtige Amt, das ihn locken könnte, verschlossen. Warum sollte er also in Bonn bleiben, zumal in Hamburg ein Wandel in der Luft liegt?

CDU und SPD geben sich nach den jüngsten Umfrageergebnissen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, mit leichtem Vorsprung für die Union. Für die Grünen/Alternativen sind zweistellige Zahlen ermittelt worden; die FDP schwankt um die Fünf-Prozent-Marke, ihrem Landesvorsitzenden ist es bisher nicht gelungen, sie als liberale Alternative zu profilieren.

Helmut Schmidt hat sich immer mokiert über den „netten Kerl“ Kiep, für den die Kandidatur in Hamburg nur eine Sprosse auf der Stufenleiter zum Erfolg in Bonn sei, hat gesagt, daß sich Kiep allenfalls auf der „Durchreise“ befinde. Nun zählt dieses zentrale Argument der Sozialdemokraten gegen den Kandidaten der Opposition nicht mehr. Die Hamburger Wähler und die eigene CDU-Basis fühlen sich ernst genommen – ein nicht zu unterschätzender Bonus, der spät kommt, aber nicht zu spät.