Von Heinrich v. Tiedemann

Der Papst kommt nicht bis Nuuk. Warum sollte er auch, da es doch in dieser Zehntausend-Seelen-Gemeinde kaum hundert Katholiken gibt. Und doch ist es schade. Denn – so entnehme ich dem Bericht eines ständigen Begleiters von Johannes Paul II. – erst der Besuch des Pontifex Maximus macht so entlegene Ortschaften wie Bau, Malabo, Cotonou und Altötting weltbekannt. Die Invasion von drei Dutzend Journalisten aus nah und fern zur Volksabstimmung über Grönlands Verbleib in der Europäischen Gemeinschaft war dafür natürlich kein Ersatz.

Was weiß man schon von Grönland? Daß es dort kalt ist? Vor allem im Winter. Daß dort Eskimos leben, die seit langem dänische Untertanen sind und dadurch einem Kulturschock ausgesetzt werden? Vom Lebertran zum Dosenbier; vom Iglu zum sozialen Wohnungsbau! So wird das Problem gern bündig umschrieben.

Mein erster Eindruck nach einem atemberaubenden Flug über die bis zu dreitausend Meter dicke Kuppel des Inlandeises war buchstäblich umwerfend, meine ersten Worte nach der Landung in Nuuk: „Warum wird denn hier nicht gestreut?!“ Eine Spielzeugstadt, über die man dickflüssige Milch gegossen hat, so daß sie sich schön gleichmäßig verteilt – so erschien mir die Hauptstadt der größten Insel unseres Planeten. Spiegelblank und glatt jeder Quadratzentimeter, auf dem der tastende Fuß Halt sucht. Und weit und breit kein Hundeschlitten, auf den man sich retten kann, dafür um so mehr Taxis, die offenbar ziel- und fahrgastlos die breiten Straßen unsicher machen. Die Grönländer sind eher mürrisch, hatte man mich gewarnt, eben weil sie nicht länger im Kajak Seehunde jagen können, sondern in der Fischfabrik am Fließband arbeiten müssen. Allerdings – wenn sie mich sahen, lachten sie; das konnte ich deutlich wahrnehmen, sobald ich mich wieder vom Boden erhoben hatte.

Die Begegnung mit Menschen einer anderen Rasse (darf man das noch unmißverstanden sagen?) ist stets eine Prüfung. Man registriert Gesichtsschnitt und Körperbau, Haar- und Hautfarbe. So hat man sich die Eskimos vorgestellt: klein, gedrungen und muskulös; schwarze Augen, mongolisch geschlitzt; breite, die Physiognomie präsende Backenknochen. Viele von ihnen können dänische Vorfahren nicht verleugnen. Man berechnet insgeheim die Blutmischung. Und die Namen sind überwiegend skandinavisch, manche sogar deutsch. Wen wundert’s, haben sich doch die Missionsbrüder von Herrnhut im 18. Jahrhundert der Insulaner angenommen. Einer von ihnen, David Cranz, hat wohl das erste ausführliche Buch über Grönland in deutscher Sprache geschrieben. Es wurde 1765 in Leipzig gedruckt, in feines Leder gebunden und in einem Exemplar zweihundert Jahre später an mich verkauft, in der einzigen Buchhandlung von Nuuk. David Cranz hat mehrere Jahre unter den Eskimos Grönlands, die sich selbst „Inuit“ (das heißt schlichtweg „Menschen“) nennen, gelebt, er weiß also, wovon er schreibt. Zum Beispiel: „Die Grönländer sind keine ungezogene, farouche, wilde, barbarische oder grausame Menschen, sondern ein sanftes, stilles, sittsames, oder wie die Engländer sagen, good-natured, gutes Volk. Sie leben in einem statu naturali & libertatis, zwar extra civitatem, aber doch in societate, darauf die erdichteten Beschreibungen von den Menschen der bürgerlichen Verfassung gar nicht eintreffen.“

David Cranz war ein Kind seiner Zeit, die gerade den „Edlen Wilden“ entdeckt hatte, die der eigenen Dekadenz überdrüssig geworden war, und zwar so sehr, daß sie sich „zurück zur Natur“ sehnte. Unter den Grönländern fand er, was die zivilisierte Menschheit bei sich selbst vermißte. „Von der Trunkenheit wissen sie nichts, dabei sieht man unter ihnen auch keine Schlägereien und Balgen, und sie wissen ihren Zorn und Unwillen so meisterlich zu verbeißen, daß man sie für stoische Philosophen halten sollte.“ Und schließlich: „So findet man bei dem ersten Anblick unter diesen unwissenden Menschen so viel liebens- und lobenswürdiges, daß unsere Christenheit, wie sie dermalen steht, bei ihrer vortrefflichen Kenntnis und doch fast durchgängigem Handeln gegen alles natürliche und geoffenbarte Licht, dadurch gar sehr beschämet werden könnte.“

Der Herrnhuter Bruder spricht vielen von uns, die ebenfalls vorgeben, zivilisationsmüde zu sein, aus dem Herzen. Während wir die grönländische Wirklichkeit von 1982 betrachten, entrüsten wir uns. Kritisch vermerken wir in unseren Reportagen, daß die Nachfahren der eskimoischen Robbenjäger und Walfänger in vorgefertigten Wohnblocks hausen müssen, daß ihre familiären Beziehungen zerbrechen, Promiskuität, Trunksucht und Aggressivität umgehen. Der oberste Richter des Landes weiß uns ein Lied davon zu singen. So schlimm ist es mit der Sauferei, daß man eine des tionierungskarte hat einführen müssen; doch – schlimme unausweichliche Folge – die einzelnen Abschnitte werden auf dem schwarzen Markt teuer gehandelt, man kann sogar Liebe dafür kaufen! Weithin sichtbares Symbol ferner für den Niedergang dieses uralten Volkes: Auf den schmalen Balkons der Wohnmaschinen hängen zum Trocknen aufgespannte Seehunds- und Polarfuchsfelle neben den Kadavern frischerlegter Eiderenten und Alken, Trophäen einer urtümlichen Jagdleidenschaft, die zur Freizeitbeschäftigung Eiderenten ist. Statt auf Hundeschlitten reiten die jungen Grönländer auf Schnee-Scootern durch die Ode ihrer Stadtlandschaft, am Abend stampfen sie ihre Frustration in der Diskothek aus den Leibern.