Geschichte

Von Sven Papcke

In wirtschaftlichen Krisenzeiten sind Verhärtungen des Sozialklimas nichts Ungewöhnliches. Mit erhobenem Zeigefinger werden Schuldige für die Misere gesucht und gefunden – nicht immer die Richtigen übrigens. Zu den Krisenmachern von heute zählt in der Öffentlichkeit nicht zuletzt die Sozialpolitik. Ihre ständig steigende Ausstattung hat so – die Beanstandung – nicht nur ihren Mißbrauch begünstigt, sondern geradezu eine Rentnergesinnung geschürt. Die Bewahrung des Sozialstaates verlangte nun dessen drastische Einschränkung, nicht nur aus Kostengründen. Die Sozialunterstützung müsse wieder unter das Niveau jener Auskömmlichkeit abgesenkt werden, das durch Beschäftigung zu erreichen ist, sonst gerate Arbeit unversehens zur Sache der Dummen in der Gesellschaft. Geboten sei daher vor allem eine Berichtigung der sozialen Haltungen: Der gesellschaftliche Erfolg müsse an die individuelle „Tüchtigkeit“ gekoppelt werden, eine gehörige Prise „Sozialdarwinismus“ das ökonomische Getriebe wieder auf Trab bringen.

In solchen Zeiten der Prüfung ist es aufschlußreich, sich auf die Herkunft des sozialen Systems zu besinnen, über das so nachhaltig geklagt wird. Auf diese Weise kann der Zeitgeist vielleicht nicht nur davor bewahrt werden, „die guten alten Zeiten“ leichtfertig wider den allgemeinen Niedergang anzurufen; es mag sich dann auch zeigen, „wie herrlich weit“ wir es eigentlich doch gebracht haben.

Zwei Studien von Christoph Sachße und Florian Tennstedt leisten genau diese Hilfe. Sie führen nicht allein den aufreibenden Reformprozeß vor Augen, den die moderne Gesellschaft auf dem Weg zum „Wohlfahrtsstaat“ durchmachen mußte. Mit aller wünschenswerten Deutlichkeit wird auch klargemacht, daß noch vor gar nicht allzulanger Zeit die Not auch in unseren Breiten die große Menge heimsuchte:

Christoph Sachße/Florian Tennstedt: „Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg“; Kohlhammer-Verlag, Stuttgart, 167 S., DM 59,-

Florian Tennstedt: „Sozialgeschichte der Sozialpolitik in Deutschland“; Vandenhoeck & Ruprecht Verlag; Göttingen, 240 S., DM 20,-