Die Messe in Hannover kann mit einer Meldung aufwarten, die in der deutschen Wirtschaft inzwischen Seltenheitswert hat – mit einer positiven Rekordzahl: Noch nie haben so viele Unternehmen auf so vielen Quadratmetern ihre technischen Leistungen zur Schau gestellt. Mehr als sechstausend Firmen präsentieren sich in diesem Jahr auf der größten Investitionsgütermesse der Welt. Fast 450 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche haben sie gebucht, um ihre Produkte vor dem internationalen Publikum ins rechte Licht zu rücken.

Leider sind diese Superlative kein Zeichen für einen sich anbahnenden Boom oder auch nur für wieder aufkeimenden Optimismus. „Die Wirtschaft liegt tot im Wasser“, charakterisierte der amerikanische Finanzminister Donald Regan die Lage in den USA und hätte damit auch fast jedes andere westliche Industrieland meinen können.

„Wachstumsdefaitismus“, wie es das Bonner Wirtschaftsministerium nennt, herrscht zur Zeit auch in der Bundesrepublik. Unternehmer, Gewerkschafter und Politiker stecken sich gegenseitig mit ihrem Pessimismus an, von dem auch die Verbraucher nicht verschont bleiben: Da fehlt das Geld und der Mut zu Investitionen. Da sieht man überall nur gesättigte Märkte. Da wird die Arbeitslosigkeit bis in die ferne Zukunft hochgerechnet, well immer mehr Menschen nach einer Beschäftigung suchen, während gleichzeitig der technische Fortschritt immer mehr Arbeitsplätze vernichtet, Roboter und elektronische Steuerungen den Menschen in der Produktion ersetzen.

Selbst der zaghafte Aufschwung, auf den viele Unternehmen noch hoffen, rückt immer wieder in die Ferne. Nach der Konjunkturumfrage des Ifo-Instituts haben die Bosse jede Hoffnung auf einen Umschwung im Frühjahr fahren lassen. Vor Jahresmitte erwarten sie keine Besserung. Mit einer stärkeren Belebung der inländischen Nachfrage rechnen sie sogar erst im nächsten Jahr. Doch dann fürchten sie Einbußen im Export. Das Auslandsgeschäft ist ihnen offenbar zu schön, um wahr zu sein.

Die deutsche Ausfuhr läuft nämlich zur Zeit wie geschmiert – trotz der tristen Konjunktur, unter der viele unserer wichtigsten Handelspartner noch stärker leiden als die Bundesrepublik. Angesichts der allgemeinen Miesepetrigkeit werden die erstaunlichen Erfolge der deutschen Exporteure in der Öffentlichkeit zur Zeit aber kaum zur Kenntnis genommen. Sie passen offenbar nicht ins trübe Bild. Tatsache ist aber, daß die deutsche Ausfuhr im Februar um 14 Prozent höher war als zur gleichen Zeit des Vorjahres, während die Einfuhren nur um fünf Prozent zugenommen haben. Das ergab einen Überschuß von 3,6 Milliarden Mark in der Handelsbilanz und trug dazu bei, daß die Defizite in der Leistungsbilanz gegenüber dem Ausland weiter abnahmen.

Geht diese Entwicklung weiter – und übers Jahr gerechnet wird immerhin eine Zunahme der Ausfuhr um neun Prozent erwartet –, dann bieten sich zusätzliche Chancen, die deutschen Zinsen von den amerikanischen noch weiter „abzukoppeln“. Neben moderaten Lohnabschlüssen wäre dann mit billigerem Kapital eine weitere Bedingung für einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung erfüllt.

Wenn dann auch noch der Staat seine Pflicht tut und durch einen Abbau steuerlicher und bürokratischer Investitionshemmnisse den Weg frei macht, dann könnte die Wirtschaft schneller aus der Flaute herauskommen, als mancher sich dies heute vorzustellen vermag – eben weil Pessimismus so ansteckend ist.

Michael Jungblut