Die Ungarische Führung und ihre Kritiker

Von Christian Schmidt-Häuer

Budapest, im April

Vor einem Vierteljahrhundert machte ein junger, ungarischer Politiker auf einer der ersten Pressekonferenzen nach dem Aufstand den verblüfften Journalisten eine Prophezeiung. Es werde, so György Aczél – heute Kulturpapst der Partei – in dem niedergeschlagenen Land eines Tages offene Diskussionen und sogar eine Hyde Park Corner geben. Der Prophet hat recht behalten. Seit einigen Monaten gibt es in Ungarn ein Podest, um das sich immer mehr Zuhörer drängen. Die neue Budapester Hyde Park Corner liegt in der Karl-Marx-Universität.

Die Ecke, in die es jetzt Hunderte von Neugierigen zieht, hat es in sich: Von diesem Hörsaal aus drang 1956 die Rebellion der ungarischen Intellektuellen auf die Straßen. Damals war es der Petöfi-Kreis, der zunächst im Kossuth-Klub ökonomische Fragen auf warf. Doch Themen und Auditorium weiteten sich so unaufhaltsam, daß die bald philosophierenden und politisierenden Rebellen in den riesigen Hörsaal umzogen.

Heute ist dieser düstere Saal neuerlich zum Sammelpunkt geworden. Wieder werden ökonomische Fragen aufgeworfen. Und wie einst die Petöfi-Gruppe, so ist auch der Mann, um den sich nun plötzlich alles dreht, bisher nur einem kleinen Kreis bekannt gewesen. Damit enden freilich auch die Parallelen. Ungarns Geschichte wiederholt sich zum Glück nicht als Tragödie. Sie dient den meisten Beteiligten vielmehr als Lehre.

Ein Schulbeispiel dafür liefert der merkwürdige, spontane Massenauflauf in der Karl-Marx-Universität. Da strömen immer mehr Menschen zu einem vermeintlichen Wunderheiler der Volkswirtschaft, einem sozialistischen Milton Friedman namens Tibor Liska. Doch dem Auflauf folgt keine Aufregung, entspannt und mit geteilter Meinung lauscht und diskutiert das Auditorium. An den genius loci erinnert niemand, die jüngeren Kommilitonen wissen wohl nicht einmal von ihm – so etwas wäre in Polen undenkbar. Die politische Führung wiederum sperrt den Zuhörerstrom, der sich alle zwei Wochen vom Donaukai in die Karl-Marx-Universität ergießt, nicht administrativ ab. Die Partei hält es für klüger, kompetenten Wirtschaftstheoretikern das Feld zu überlassen. Sie messen sich (und den offiziellen Reformkurs) in öffentlichen Streitgesprächen mit dem eigenwilligen Verkünder eines freien Marktes, der den realen Sozialismus total aufheben soll.