Von Wolfgang Hoffmann

Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen wird den offenen Konflikt mit seinem Bonner Parteifreund und Forschungsminister Andreas von Bülow risderen müssen, wenn er ein wichtiges Forschungsprojekt retten will. Der Thorium-Hochtemperacurreaktor (THTR) in Schmehausen bei Uentrop/Unna gerät in eine Finanzierungskrise, die ihn an den Rand der Aufgabe bringt. Und von Bülow will nicht zahlen.

Um die nukleare Zukunft der Kernenergie nicht zu verpassen, fördert das Forschungsministerium seit über zehn Jahren den Bau zweier Prototypen sehr unterschiedlicher Nukleartechnologien, deren kommerzieller Großeinsatz bestenfalls im nächsten Jahrtausend eine Rolle spielen wird: den Schnellen Brüter im niederrheinischen Kalkar und den Hochtemperaturreaktor in Schmehausen. Während sich der Schnelle Brüter nur für die Erzeugung von Strom einsetzen läßt, soll der THTR eine vielfältige Verwendung haben: er liefert Strom und nach noch Prozeßwärme, also hohe Temperaturen, die etwa für Fernwärme genutzt oder aber für die Veredelung von Kohle und sonstige Prozeßvorgänge in der chemischen Industrie eingesetzt werden könnte.

Diese Technologie ist für einen Wirtschaftsminister im kohlenreichen Revier an Rhein und Ruhr von besonderem Interesse. So hat Jochimsen für den Schmehausener Reaktor – kurz THTR-300 genannt – seit Übernahme des Wirtschaftsressorts in Düsseldorf seine besondere Vorliebe entwickelt. Verlockend scheinen aber auch die geringen sicherheitstechnischen Risiken gerade dieses Reaktortyps. Sollte sich das bisherige Urteil namhafter Sicherheitsexperten auch beim praktischen Betrieb als richtig erweisen, verdiente der THTR-300 nämlich das Prädikat "umweltfreundlich".

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt ist die Tatsache, daß die Bundesrepublik auf dem lung Kernenergie bei der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) in Wien: "Deutschland hat eine führende Rolle in der Welt, und nach unseren Erkenntnissen gibt es auch keine wesentlichen technischen Schwierigkeiten mehr bei der Einführung dieser Technologie."

Im Gegensatz zur Brütertechnologie, die von mehreren Ländern entwickelt wird und bei der die Deutschen nicht zuletzt wegen der endlosen Genehmigungsverfahren und Prozesse eher hinterherhinken, eröffnet der Hochtemperaturreaktor mithin auch gute Exportchancen, vor allem für Länder, die einen großen Bedarf an Prozeßwärme haben. So hat die Sowjetunion erst vor einigen Monaten deutschen Wissenschaftlern anläßlich einer Tagung in Minsk deutliches Interesse an einer Kooperation auf diesem Gebiet signalisiert. Abschließende Urteile über viele noch offene Fragen – von der Wirtschaftlichkeit bis hin zur Sicherheit – sind freilich auch für diesen Reaktor ebenso wie für andere neuartige Typen erst nach hinreichender Erprobung zumindest des Prototyps möglich.

Ob je Erfahrungen mit einem Probelauf gemacht werden können, ist aber fraglich, nachdem nunmehr Mehrkosten von mindestens 700 Millionen Mark offenbar wurden – plötzlich und überraschend nach Lesart von Forschungsminister Andreas von Bülow. Während der Forschungsminister bis vor kurzem noch mit Kosten in Horn von drei Milliarden Mark rechnete, liegen die derzeitigen Schätzungen tatsächlich knapp unter vier Milliarden Mark. Bei Baubeginn waren etwa 700 Millionen Mark veranschlagt worden. Der THTR-300 Schmehausen hat sich damit ebenso wie der Schnelle Brüter Kalkar um ein Mehrfaches verteuert.