Vier Jahre lang hat er kaum etwas anderes getan, als sich in der Öffentlichkeit unbeliebt zu machen: mit Steuererhöhungen, wachsenden Staatsschulden und Haushaltskürzungen zu Lasten fast aller Bürger in der Bundesrepublik. Bis vor wenigen Wochen hat er für eine Erhöhung der Mineralölsteuer geworben, obwohl kaum ein anderer Politiker davon etwas wissen wollte – von der Mehrzahl der Autofahrer und Heizölkunden einmal ganz abgesehen. Nach alledem war es Außenstehenden mitunter nur schwer klarzumachen: Hans Matthöfer ist mit seinem Wechsel aus dem Finanzministerium ins politisch ziemlich belanglose Postministerium nicht bestraft, nicht degradiert worden.

Sein Wechsel ist vielmehr eine Art Kompromiß zwischen ihm und dem Kanzer – Matthöfer, der eigentlich aus dem Kabinett aussteigen und seine malträtierte Gesundheit aufrichten wollte, und Helmut Schmidt, der auf die Präsenz und den Rat seines erfahrenen Genossen nicht verzichten mochte. Er war dem Finanzressort ganz einfach physisch nicht mehr gewachsen – angesichts der extremen Aufgabenfülle dieses Ministeriums, die mindestens eine Zweiteilung in ein Ministerium für Haushalt und Steuern und ein Ressort für währungs-, geld- und kreditpolitische Angelegenheiten rechtfertigen würde, ist das kein Wunder.

Von seiner politischen Erfahrung und fachlichen Kompetenz her aber war Matthöfer der wahrscheinlich qualifizierteste sozialdemokratische Finanzmister seit 1969 – Alex Möller, Karl Schiller, für kurze Zeit Helmut Schmidt und Hans Apel waren seine Vorgänger. Gewiß, diese Feststellung steht in einem augenfälligen Kontrast zur Realität: Haushaltslücken hier und dort, Verschuldungszahlen von (nach deutschen Erfahrungen) beängstigender Höhe und eine noch immer ärgerliche Unordnung an den Kreditmärkten, die man, mit welchem Recht auch immer, zu einem Teil der Höhe der staatlichen Neuverschuldung zuschreibt.

Doch diese Realität ist nicht auf die Bundesrepublik Deutschland beschränkt – sie lastet auf allen Industrieländern. Überall sind die Ansprüche an den Staat längst schon von den Möglichkeiten, sie zu finanzieren, überholt worden. Die Krise des Wohlfahrtsstaates kennt keine Grenzen – auch keine Systemgrenzen etwa zwischen West und Ost. Das Vermögen zumindest der demokratisch regierten Länder – wahrscheinlicher aber: aller hochorganisierten Länder –, mit dieser Krise fertig zu werden, ist nicht sonderlich groß. Es braucht zumindest Zeit, wohlerworbene Besitzstände abzubauen und Strukturen zu verändern – das zeigt sich an der Debatte über fast jedes einkommensrelevante Gesetz.

Vor diesem Hintergrund kann ein Finanzminister gar nicht anders, als sich unentwegt in die Nesseln zu setzen, Nicht an seinen Mißerfolgen sollte man ihn messen, sondern an seiner volkswirtschaftlichen Kompetenz, an seiner Fähigkeit, politisch konzeptionell zu denken, und an seiner Erfahrung im politischen Grabenkampf. Matthöfer bringt von allem eine gute Portion mit; er kennt sich in der Ökonomie aus, er denkt und handelt in Zusammenhängen, die manchem finanzpolitischen Disputanten im Bundestag ein Leben lang verschlossen bleiben, und er ist ein cleverer Taktiker.

Die angestrebte Verbesserung der Haushaltsstruktur hat er seit 1978, dem Beginn seiner Amtszeit als Finanzminister, zwar erst zu einem kleinen Teil erreicht – wäre es anders, brauchte die Bonner Koalition in diesem Frühjahr nicht noch einmal durch das Fegefeuer einer Haushaltskonsolidierung. Doch immerhin hatte er sie im Visier: eine relative Senkung der konsumtiven Ausgaben auch im sozialen Bereich; eine Verstärkung der investiven Ausgaben für Zwecke, die das wirtschaftliche Wachstum in künftigen Jahren erleichtern; eine Besserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die steuerzahlenden Bürger – selbst Karenztage für erkrankte Arbeitnehmer und Beamte fand er akzeptabel.

Mit dem wenigen, was er von diesen Zielen erreicht hat, hat er sich bei vielen seiner Genossen nicht gerade eingeschmeichelt. Die linken Sozialdemokraten, denen er sich früher selbst zugerechnet hat, haben schon vor etlichen Jahren aufgehört, ihn für einen der ihren zu halten – er hat daraus erfreulicherweise die Konsequenz gezogen, über seinen Standort im Spektrum seiner Partei lieber zu schweigen.