Von Ulrich Greiner

Der Gedanke, daß Literatur mit Utopie zu tun hat, ist uns vertraut. Literatur ist der Ort unserer Sehnsüchte und Hoffnungen. Sie erzählt uns von dem, was noch nicht ist, aber sein könnte, sein müßte. Sie nimmt vorweg, malt das Niemandsland unserer Wünsche aus. Von dieser utopischen Funktion der Literatur ist in früheren Jahren häufig die Rede gewesen.

Literatur hat aber auch eine konservierende Funktion. Sie schützt vor dem Vergessen, sie bewahrt das Abgeschobene und Verdrängte auf, damit es zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht wieder zum Vorschein kommt. Aus der literarischen Überlieferung erfahren wir, wie die Menschen zu anderen Zeiten gefühlt und gelebt haben. In ihr ist aufgehoben, was sonst verschwunden wäre. Das gilt auch für die Gegenwartsliteratur. In einer Zeit, in der alle Erkenntnisse, gerade auch die wissenschaftlichen, hektischer Innovation unterworfen sind, wird die Literatur immer mehr zum Aufbewahrungsort, wo unterdrückte Lebensfragen, abgetane Erfahrungen überwintern.

Diesen Gedanken hat Wolf Lepenies auf dem Düsseldorfer Germanistentag 1976 vorgetragen. Er fiel mir ein, als ich das Buch las:

Peter Schneider: „Der Mauerspringer“, Erzählung; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1982; 135 S., 20,– DM.

Peter Schneider schreibt über ein Thema, das in den Nachrichten und in der politischen Debatte ständig vorkommt. Und doch haben wir es derart verdrängt, daß es niemanden mehr wirklich zu kümmern scheint: Berlin und die deutsche Teilung. Die Ostpolitik Willy Brandts hat dieses traurige Kapitel entschärft und zugleich von uns weggerückt. Sie eröffnete zwar Ausblicke auf eine Lösung der deutschen Frage, aber indem sie die Konfrontation zwischen beiden deutschen Staaten milderte, erleichterte sie das Vergessen, zumindest uns im Westen. Das Bedürfnis, sich nicht länger mit den Kriegsfolgen auseinandersetzen zu müssen und sich endlich dem Status quo anpassen zu können, war zwar vorher schön vorhanden, nun aber könnte es leichter befriedigt werden.

Es ist also in gewisser weise unzeitgemäß, und es widerspricht den Interessen der beiden deutschen Regierungen, wenn jetzt die Friedensbewegungen und die deutschen Schriftsteller wieder anfangen, an der deutschen Frage herumzudenken und die Begriffe „Volk“, „Nation“, „deutsche Sprache“ von neuem zu definieren. Thomas Brasch hat kürzlich in Seinem Film „Engel aus Eisen“ an die Anfänge des geteilten Berlin erinnert, und Peter Schneiders Erzählung lenkt unser Augenmerk auf die verrückte Tatsache, daß uns die verrückte Situation Deutschlands längst nicht mehr verrückt vorkommt. Insofern also handelt es sich um ein notwendiges Buch, und mein Einwand dagegen lautet nur, daß Schneider viel zu vernünftig und beherrscht bleibt, anstatt dieses wunderliche und verquere Berlin radikal (und das hieße eben auch: radikal zu sich selber) zum Vorschein zu bringen. Denn Schneider, nun 42 Jahre alt und seit seiner Erzählung „Lenz“ (1973) als Schriftsteller bekannt, lebt ja seit zwanzig Jahren in dieser Stadt, die er „siamesisch“ nennt und die mir während gelegentlicher kurzer Besuche immer unwirklicher und phantastischer vorkommt. Die Erzählung benennt und beschreibt zwar die Groteske, die Berlin ist, aber selber ist sie keineswegs grotesk oder phantastisch, sondern sehr gescheit und sehr nachdenklich, und ihre Sprache ist klar und nüchtern.