Brasilien und Argentinien stehen seit mehr als einem Jahrzehnt im Verdacht, sich die Atombombe beschaffen zu wollen. Und spätestens seit 1968, als die Firma Siemens den Zuschlag für das argentinische Kernkraftwerk „Atucha-I“ am Rio Paraná erhielt, muß die Bundesrepublik mit dem Vorwurf leben, um des Geschäftes willen (hoch-)sensitive Nukleartechnik an Staaten zu liefern, die sich internationaler Kontrolle entziehen. Der Verdacht wurde noch lauter, als 1975 der deutsch-brasilianische deal zustande kam.

Doch das Dreiecksverhältnis Bonn-Brasilia-Buenos Aires ist komplizierter.

Richtig ist, daß Argentinien und Brasilien den „Nichtverbreitungs-Vertrag“ (NPT) nicht unterschrieben haben. In dem Vertrag von 1970 sehen beide Staaten (unter demokratischen wie militärischen Regierungen) eine Diskriminierung jener Länder, die es bis 1970 weder zur militärischen noch friedlichen Kernnutzung gebracht hatten. Deswegen verweigern sie eine de jure-Inspektion ihrer kerntechnischen Anlagen durch internationale Behörden, gestatten sie aber de facto unter zwei Bedingungen. Erstens muß sie für jeden Reaktor einzeln ausgehandelt und auf ihn beschränkt werden. Zweitens darf die Überwachung nicht schärfer sein als bei den Anlagen der NPT-Mitglieder, damit schon der Anschein einer zweitklassigen Behandlung vermieden wird.

Bedenklicher ist, daß beide Länder den Vertrag von Tlatelolco (1967) nicht ratifiziert haben, der ein atomwaffenfreies Südamerika schaffen sollte. Sie erklären ihre Weigerung fast gleichlautend mit zwei Argumenten, die aus der Sicht eines in Europa überspitzt anmutenden Nationalismus eine gewisse Logik für sie hat: Wenn nicht alle Kernwaffenstaaten das Abkommen von Tlatelolco unterzeichnen, läuft der Vertrag auf eine einseitige Selbstbindung Südamerikas hinaus, während zum Beispiel Frankreich (Guadeloupe/Cayenne) theoretisch das Recht behielte, auf seinen Überseeterritorien Kernwaffen zu lagern. Außerdem ist die Kuba-Krise von 1962 unvergessen, die ja durch den „Import“ sowjetischer Atomraketen in die lateinamerikanische Hemisphäre ausgelöst wurde. Auch Kuba hat Tlatelolco nicht ratifiziert.

Daraus aber zu schließen, daß Brasilia und Buenos Aires unbedingt die Bombe haben wollen, wäre unzulässig. In beiden Staaten gibt es wohl Offiziere und Politiker, die sich diese Waffe wünschen, das ist unbestritten. Doch diese Minderheit hat noch nie die Regierungspolitik bestimmt, wenn auch ihre Forderungen und Andeutungen um so bedrohlicher klingen, je mehr sich Argentinien und Brasilien in ihrer technischen Entwicklung dem gesamten Kreislauf nähern. Natürlich wächst auch die Versuchung, sich dieser Möglichkeit zu bedienen, aber noch gilt: Das Bestreben, den gesamten Kreislauf innerhalb der eigenen Grenzen zu haben, wird nicht von militärischen Hintergedanken, sondern von dem Wunsch nach Unabhängigkeit diktiert.

Die Verträge Bonn-Siemens-Argentinien und Bonn-KWU-Brasilien enthalten deswegen jeweils zwei „Pakete“: die Lieferung fertiger Anlagen und den Transfer des Know-how, der beide Länder in die Lage versetzen soll, in den 90er Jahren eigene Kernkraftwerke zu bauen.

Diese Überlegung hat allerdings die Rivalität zwischen Buenos Aires und Brasilia verschärft, zumal sich beide Großstaaten lange Jahre den Rang einer südamerikanischen Vormacht streitig gemacht haben. Doch im Jahre 1980 besuchten die Präsidenten sich gegenseitig und leiteten damit eine Phase der „Entspannung“ ein.