Über ein Jahrzehnt ist er nicht nur der Tennisprofi par excellence, sondern auch immer brav gewesen. Nie ist er aus der Haut gefahren, nie aus der Fassung geraten, nie aus der Rolle gefallen. Wenn ihm Unrecht widerfuhr, hat er es mit einem unsichtbaren Lächeln aus seinen wasserblauen Augen quittiert; wo andere vor Wut ihre Schläger ins Publikum warfen, hat er nicht mal mit der Wimper gezuckt.

Ja, so kennen wir ihn: Björn Borg, der nach der reinen Lehre des Tennis-Professionalismus lebte, ein Asket unter den Vagabunden, immer pünktlich zu Bett und beim Training und mit einem heillosen Respekt vor den Regeln des Spiels.

Und nun hat dieser allzeit kühle, ordentliche, sittsame, kreuzbrave Björn Borg, dieser Ausbund an Disziplin, dieser schlagkräftige Biedermann der Centre Courts etwas getan, was für ihn ganz ungewöhnlich, ja ungeheuerlich ist: Er hat den Veranstaltern des Wimbledonturniers, den Gralshütern des Tennis notabene, einen Korb gegeben – aus Trotz. Björn Borg, dessen Name mit diesem Turnier auf ewig verbunden ist, seit er hier zwischen 1976 und 1980 fünfmal hintereinander gewann, wird beim bevorstehenden Wimbledon-Turnier 1982 nicht spielen. Basta.

Diese öffentliche Demonstration der Verärgerung, ein ganz neuer Zug an Björn Borg, gilt der Tatsache, daß man ihn auch in Wimbledon, seinem Wimbledon, einer Prozedur unterziehen wollte, die wahrlich nicht für seinesgleichen gemacht ist, einer – pfui Teufel – Qualifikation. Verschont davon bleibt auch ein Topspieler nur, wenn er mindestens zehn Grand-Prix-Turniere in der Saison bestreitet. Die Veranstalter in Wimbledon hätten liebend gern eine Ausnahme gemacht, aber die zuständigen internationalen Gremien des Profitennis haben auf Einhaltung des Reglements bestanden. Und Björn Borg, der sich nun mal in den Kopf gesetzt hat, in diesem Jahr nur sieben und nicht zehn Grand-Prix-Turniere mitzumachen, ist darüber richtig böse. Ob zu Recht oder zu Unrecht, darüber gehen die Meinungen in der Tenniswelt auseinander.

Einerseits: Es erscheint geradezu lächerlich, daß ein Mann wie Borg, fünfmal Sieger in Wimbledon und im letzten Jahr noch im Finale, auf einmal nicht mehr würdig sein soll, ohne besonderen Tauglichkeitsnachweis in das Hauptfeld der 128 (in Buchstaben: hundertachtundzwanzig) Teilnehmer aufgenommen zu werden. Das ist eine groteske Abqualifizierung von vornherein, eine Demütigung und eine Zumutung für jemanden, der ein halbes Jahrzehnt der Geschichte Wimbledons geprägt hat. Ganz abgesehen von der sportlichen Abwertung des immer noch wichtigsten Tennisturniers des Jahres: In englischen Zeitungen wurde schon die Befürchtung geäußert, zum erstenmal seit langem könnten diesmal in Wimbledon die Erdbeeren wieder mehr Beachtung finden als die Spiele.

Andererseits: Die Regeln des sportlichen Wettkampfs gelten für alle oder für keinen. Wenn Ausnahmen möglich sein sollen, müssen wenigstens die Kriterien dafür festgelegt sein, zum Beispiel: Genügen vielleicht auch drei Wimbledonsiege oder müssen es fünf sein? Wo Ausnahmen nach Belieben oder nach guter Führung oder nach Verdienst (zumal, wenn wesentlich in Dollar bemessen) gemacht werden, sind der Manipultion keine Grenzen mehr gesetzt. Womit nicht gesagt sein soll, daß im Tenniszirkus nicht gelegentlich kräftig manipuliert würde.

Björn Borg hat gewußt, daß er mit dem Reglement kollidieren würde, als er sich vor Monaten zu einer Kürzung des eigenen Turnierprogramms entschloß, und er hat es darauf ankommen lassen, vielleicht sogar darauf angelegt: Nach Jahren etwas fader Bravheit entdeckte er das Rebellische in seiner Brust.