Von Günter Haaf

So pompös hatte sich Donald Johanson seinen München-Aufenthalt wohl nicht vorgestellt. "Das Hotel muß ja unglaublich teuer sein", bemerkt er, als wir die Lobby des "Vier Jahreszeiten" durchqueren. "Ich dachte, Sie wären eine solche Umgebung gewohnt", sage ich, "nachdem Sie ja von Ihrem Partner Tim White einmal als ein Anthropologe in Gucci-Schuhen bezeichnet worden waren, dem deshalb nicht zu trauen sei". Johansson nimmt den Ball auf. "Trage ich Gucci-Schuhe?", fragt er mit unschuldigem Lächeln zurück. Nein, wie ein Mode-Stenz von der Fifth Avenue sieht Don Johanson nicht aus. Aber einem in den Wüsten der Welt gegerbten, Jeans und Khaki tragenden Urmenschenforscher gleicht er auch nicht gerade. Nicht einmal der Amerikaner ist ihm – auf den ersten Blick anzusehen oder anzuhören: Er spricht leidlich deutsch und, als Sohn schwedischer Amerika-Auswanderer, natürlich auch die Sprache seiner Eltern.

Der unauffällige, höfliche und jungenhaft wirkende Enddreißiger hat eher verborgene Qualitäten. Und er hat, bei allem Können, auch eine ganze Menge Glück gehabt im Leben – mehr jedenfalls als jeder lebende oder tote Paläanthropologe, wie sich die Urmenschenforscher selbst bezeichnen. Lucky Don hatte das Glück, Ende der sechziger Jahre bei F. Clark Howell in Chicago zu studieren, einem der Begründer der modernen Paläanthropologie. Mit Howell durfte er 1970 zum erstenmal ins Traumland der Urmenschenforscher, nach Ostafrika, reisen. In Nairobi lernte er die weltberühmte Anthropologen-Forscherfamilie Leakey, im äthiopischen Omo-Tal das Lagerleben in Busch und Wüste kennen. Dann, auf dem Rückweg in die Staaten, hatte Johanson das Glück, bei einer Party in Paris den jungen französischen Geologen Maurice Taieb zu treffen. Taieb erzählte ihm von einem besonders fossilienträchtigen, wüstenhaften Landstrich im äthiopischen Afar-Dreieck. Mit Taieb erschloß Johanson anderthalb Jahre später dort "eine Stelle, wie sie Paläanthropologen sonst nur im Traum sehen".

Der Traum ließ sich bei der ersten richtigen Expedition im Herbst 1973 gut an: Lucky Don brachte auf Anhieb das Kniegelenk einer aufrechtgehenden, menschenartigen Kreatur mit, das mehr als drei Millionen Jahre alt sein mußte. Ein Jahr später fand er dann "Lucy", das bislang älteste und am vollständigsten erhaltene Skelett eines menschenartigen Wesens. Und als ob dieser sensationelle, gut dreieinhalb Millionen Jahre alte Fund – eine Art paläanthropologischer Tut-anch-Amun – noch nicht genug Glück für einen aufstrebenden Jungforscher gewesen wäre, fand Johanson im Jahr darauf gleich eine Art Massengrab mit den Knochen von mindestens 13 vermenschlichen Individuen – vor den Kameras eines französischen Filmteams.

Selbst bei der pingeligen, mühsamen, zeitraubenden und detaillierten Laboruntersuchung der Fossilien aus dem Morgengrauen der Menschheit blieb Johanson das Glück treu: Mit dem nüchtern-skeptischen Anthropologen Tim White hatte er offensichtlich genau den richtigen Partner gefunden. "Tim hielt mich bei der Stange. Er hat auch dazu beigetragen, daß ich mich von meinen Vorurteilen freimachte", erinnert sich Lucky Don an die Zeit der Aufarbeitung, einer Zwangspause, die durch die politischen Wirren in Äthiopien in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bedingt war.

Und schließlich hatte Johanson das überaus seltene Glück, zusammen mit Tim White eine neue Spezies innerhalb der nicht besonders großen Familie Hominidae, der "Menschenartigen", benennen zu dürfen. Als die beiden im Januar 1979 mit einem Bericht in der amerikanischen Zeitschrift Science die Fachwelt in Aufregung versetzten, waren immerhin 15 Jahre seit der letzten Namensgebung einer Menschen-Art vergangen. Johanson und White gaben "Lucy" und den anderen gefundenen Hominiden aus Afar (und Tansania) den wissenschaftlichen Namen Australopithecus afarensis.

Die "Südaffen aus Afar" hoben Johansons Namen ins Pantheon der Paläanthropologie. Trotz ihres äffischen Namens sind sie, davon ist nicht nur Johanson überzeugt, unsere ältesten bekannten direkten Vorfahren. Und "Lucy", diese nicht einmal einen Meter große, einst aufrecht gehende Vormenschen-Frau mit dem vergleichsweise winzigen Gehirn könnte "die Mutter der Menschheit" gewesen sein.