Von Hansjakob Stehle

Rom, im April

Was heißt das – ‚Pacificazione‘?" Fast erschrocken wies Erzbischof Glemp dieses Wort zurück. "Bei uns hat das schlimme Bedeutung", sagte er am Montag auf dem Flughafen von Rom, als ein Reporter von ihm wissen wollte, ob die Kirche für die "Befriedung" des Landes sei. "Pacyfikacja" – das ist in der Tat ein Begriff mit fataler Beschreibung im polnischen Lexikon: "Beschwichtigung, Unterdrückung von Unruhen, Aufruhr und Aufständen mit Waffengewalt". Eben dies, nach über vier Monaten Kriegsrecht noch immer bedrohliche Realität in Polen, läßt die katholische Kirche des Landes und ihren Primas entschiedener denn je zu einem Friedensschluß drängen: "Wir bestehen auf einem Dialog zwischen Regierung und Gesellschaft, mit allen ihren Repräsentanten – auch mit Solidarność."

Doch alles hängt davon ab, ob es gelingt, "ein günstiges Klima zu schaffen", meint Glemp, der am 25. April, am Abend vor seinem Abflug nach Rom, zwei Stunden lang dem General Jaruzelski die Angst vor der eigenen Courage auszureden versuchte. Denn eigentlich möchte es der General riskieren, jenen selbstgeknüpften gordischen Knoten durchzuschlagen, der das Volk, aber immer mehr auch seine militärkommunistische Führung fesselt und würgt. Wenn der General Anfang Mai einige Tausend der (ohne Anklage und Urteil) Internierten freiläßt, wird man ihm das als Geste guten Willens oder als Eingeständnis von Schwäche auslegen? Wird es das "Klima" für Versöhnungsverhandlungen verbessern oder "den Teufel aus der Flasche" lassen, wie Regierungssprecher Urban Mitte Februar fürchtete, indem er zugleich auch die Kehrseite des Dilemmas drastisch beschrieb: "Bleibt die Flasche verschlossen wie sie ist, kann sie platzen."

Anders als bei Glemps erster Begegnung mit dem Chef des Militärrats am 11. Januar ist heute weniger eine Explosion der unterdrückten Volkswut als eine Erosion zu fürchten: die schleichende, schon weit fortgeschrittene Aushöhlung aller politischen und wirtschaftlichen Strukturen durch passiven Widerstand. Das läßt jetzt Jaruzelski ernsthafter nach "nationaler Verständigung" Ausschau halten. Würde sie auch einen konkreten Gesellschaftsvertrag einschließen, wie ihn die Kirche vorschlägt? Nicht von ungefähr finden sich beide Formeln – die unverbindliche der Verständigung (Porozumienie) und die präzisere der Übereinkunft (Ugoda) nebeneinander in dem Kommuniqué der Begegnung zwischen Glemp und Jaruzelski. Dies war der wunde Punkt, an dem sich die beiden mächtigsten Männer Polens zwar grundsätzlich zum "Dialog" bekannten, doch ohne sich klar und eindeutig über dessen Ziel einigen zu können:

Auf Jaruzelskis Schreibtisch lag nicht nur ein Thesenpapier des kirchlichen "Sozialrats" vom 5. April, das zum erstenmal in wohlabgewogenen Schritten einen praktischen Weg zum Ausgleich weist, sondern auch ein persönliches Schreiben des Papstes. In diesem Brief, datiert vom 8. April (wie das Begleitschreiben, mit dem sich Glemp die Thesen seines Sozialrats zu eigen machte), erinnert Johannes Paul II. den General an Zusagen, die er in seinen wenigen Reden seit Verhängung des Kriegsrechts gemacht hatte. War da nicht von der "Grundprämisse der sozialistischen Erneuerung" die Rede, auch davon, daß es "keine Vergeltung und keine Rückkehr zu den irrigen Methoden und Praktiken vor dem August 1980" geben werde, überhaupt "keine Lösung der polnischen Probleme mit Gewalt"?

Noch keine schriftliche, doch eine mündliche Antwort konnte der Warschauer Primas dem Papst am Montag übermitteln – zusammen mit dem unmittelbaren Eindruck, den Glemp beim nächtlichen Gespräch mit Jaruzelski gewonnen hat. Dem General, so dieser Eindruck, fehlt es nicht an ehrlicher Einsicht in die Notwendigkeit dessen, was zu tun wäre, um allmählich den Zustand zu beenden, in dem sich Volk und Staatsmacht gegenseitig belagern. Aber er ist nicht frei in seinen Entschlüssen, teils, weil er selbst in diesem Teufelskreis gefangen, teils, weil er zwischen einer ohnmächtigen, zum Regieren verurteilten Partei und einem mächtigen, wenig begreifenden östlichen Nachbarn eingeklemmt ist. So durfte die zensierte polnische Presse bis jetzt mit keinem Wort von dem kirchlichen Ausgleichsvorschlag Kenntnis nehmen, den Glemp durch den Vizepremier Ozdowski, dem einzigen Katholiken in der Regierungsspitze, nach Ostern dem General überreichen ließ. Hingegen hat Ozdowski selbst nach "ersten Diskussionen im Kabinett" der italienischen Kirchenzeitung L’Avvenire erklärt, der Vorschlag sei von "großem Wert" und könne "ausgehend von kleinen Schritten zu einer Übereinkunft führen".