Von Hans-Jörgen Heinrichs

Das sozialistische Weltbild ging vom umweltbedingten Glücklichsein der Menschen aus. Wenn die DDR davon ausgeht, daß ihr sozialistisches Bezugssystem gesund ist, dürfte es eigentlich immer weniger Unglückliche, Unzufriedene oder Neurotiker geben. Dennoch gibt es wie überall in der Welt auch in der DDR seelisch Kranke. Hans-Jürgen Heinrichs (Jahrgang 45), promoviert in Sozialpsychologie und freier Wissenschaftler, untersucht die Situation der Psychotherapie und Psychiatrie in der DDR

Eine altchinesische Fabel berichtet davon, wie sich eines Tages eine Familie entschied, zwei hinderliche Berge abzutragen, anstatt sie zu umwandern. Ihre Höhe betrug viele tausend Fuß. Ein alter, als weise geltender Mann riet von diesem Unterfangen ab. Das Familienoberhaupt wies ihn darauf hin, daß die Berge sich nicht vermehren und auch nicht in die Höhe wachsen werden. „Warum also sollen wir nicht mit ihnen fertig werden?“ Darauf wußte der Weise nichts zu sagen.

Das Unternehmen, psychische Krankheiten zu heilen, ist hoffnungsloser, weil die Vermehrung eher wahrscheinlich ist und immer neue „Qualitäten“ der Deformation entstehen bzw. sichtbar werden. In der DDR hat man, mit dem Mut dieser chinesischen Familie, begonnen, den Berg abzutragen.

Der Erfassungs- und Behandlungsbereich der Medizin ist begrenzt. Mit ihren Meßinstrumenten lassen sich Krankheiten nicht erfassen, auf die sie gar nicht ausschlagen, und mit ihrer Form der nur einige Minuten dauernden Behandlung lassen sich keine tiefsitzenden Narben heilen. Dazu bedarf es einer im Kern psychoanalytischen Beobachtungsfähigkeit und Verständnisgrundlage.