Von Michael Hereth

Im Mai vergangenen Jahres fand das erste Symposium einer neu gegründeten Vereinigung CIVITAS in München und Tegernsee statt, das sich mit der Frage „Wissenschaftlich-technische Entwicklung – Fortschritt oder Sackgasse?“ beschäftigte. In der Serie Piper sind die dort gehaltenen Vorträge und die Zusammenfassungen der Diskussion nun veröffentlicht worden:

Reinhard Löw/Peter Koslowski/Philipp Kreuzer (Hrsg.): Fortschritt ohne Man? Eine Ortsbestimmung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation“; Piper-Verlag, München 1981; 284 S., 18,– DM.

Der Verein. CIVITAS scheint ein aufregendes Unternehmen zu sein. Sieht er doch seine „Aufgabe und seinen geistigen Ort in einer Synthese aus den klassischen Kontrahenten Liberalismus und Naturrecht“. Der angebliche Wertdogmatismus des Naturrechts und die Unfähigkeit des Liberalismus, die ihm eigenen Werte zu begründen, stehen, so erfahren wir, in einem Gegensatz. Und: „Durch die Anknüpfung an das Konzept einer praktischen Philosophie, die sich weitgehend an Aristoteles orientiert, hebt sich dieser Gegensatz auf.“

Kein Zweifel: Die Entwicklungen in der Mechanik, der Chemie, der Elektrizität, der Informationstechnologie und der Biotechnologie haben den Menschen in eine prometheische Situation gebracht. Der Philosoph Hans Jonas von der New School for Social Research macht der der deutschen Fassung seines Essays „Towards a Philosophy of Technology“) deutlich, wie sehr die Menschen die Bedingungen ihrer Existenz immer mehr selbst zu gestalten vermögen. Ohne zu moralisieren bringt Jonas die Melodie einer furchterregenden Wirklichkeit zum Klingen, die von dem Münchhausenschen Versuch geprägt ist, sich am eigenen Schopf aus der Bedingtheit menschlicher Existenz herauszuziehen. Jonas zeigt, daß es sich bei dieser Entwicklung um einen Prozeß zunehmenden Herrschaftsstrebens über die Natur handelt, und weist darauf hin, daß beispielsweise in der Biotechnologie „nach der Rhetorik ihrer Propheten... die Idee, unsere Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, sogar für Männer der Wissenschaft berauschend“ ist.

Dieser Zustand träumerischer Trunkenheit an der eigenen Macht kann, darauf weist der Koblenzer Theologieprofessor Altner hin, nicht durch Regierungshandeln allein korrigiert werden. Alle Bürger der Gesellschaft sind gefordert. Denn der Kosmos des Selbstverständnisses des modernen Menschen wird durch dieses gigantomanische Machtstreben in Frage gestellt. Die „eigentliche Schwierigkeit“, so schreibt Altner, ist dann zu sehen, daß es den neuzeitlichen Menschen ungeheuer schwerfällt, sich so weit zurückzunehmen, daß sein Handeln sich auf die Bedürfnisse des Mitlebens zu konzentrieren beginnt.“ Bei Altner wird deutlich, wie sehr die Selbstbeherrschung der Menschen durch ihre Vernunft die Voraussetzung für eine Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft ist, die mit den Problemen der modernen Technologie fertig würde.

Aber weder der profunde, aber eben in der Fachdisziplin der Philosophie verharrende Vortrag des Münchner Philosophieprofessors Spaemann noch die Ausführungen des Soziologen Niklas Luhmann, die sich weigern, aus den Fragestellungen der Soziologie herauszutreten, machen den Eindruck, es gehe da um Probleme der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, die das menschliche Denken und Handeln tatsächlich ernsthaft herausfordern. Die beiden bleiben in den Geleisen ihrer wissenschaftlichen Zünfte, klären Begriffe beziehungsweise versuchen – wie Luhmann – die Realität in ihre Interpretationsmodelle hineinzupressen.