Im Anlageverhalten der Aktienkäufer bahnt sich ein Favoritenwechsel an. Nachdem einige Wochen die „zinsreagiblen“ Aktien im Vordergrund gestanden hatten, werden zunehmend Papiere solcher Gesellschaften beachtet, deren Erträge in diesem Jahr steigen werden.

Obwohl die Arbeitslosenzahl in der Bundesrepublik in den ersten Monaten dieses Jahres saisonbereinigt um drei Prozent gestiegen ist und im kommenden Winter ein neuer Arbeitslosenrekord nicht ausgeschlossen werden kann, herrscht in den Börsensälen konjunkturelle Zuversicht. Seit Jahresbeginn ist der Commerzbank-Aktienindex um beachtliche 7,5 Prozent gestiegen.

Natürlich wissen auch die Wertpapieranalysten der Banken, daß das für 1982 zu erwartende wirtschaftliche Wachstum nicht ausreichen wird, die Zahl der Arbeitslosen zu verringern. Das ist erst in einer späteren Konjunkturphase möglich. Immerhin hat aber die hohe Arbeitslosenzahl wesentlich zu einer Dämpfung des Lohnkostenauftriebs beigetragen. Zusammen mit der gegenüber dem Dollar abgewerteten Mark; hat sich dadurch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie verbessert. Einen weiteren Beitrag leistet die rückläufige Inflationsrate.

In Börsenkreisen wird davon ausgegangen, daß es der deutschen Industrie gelingen wird, Auftragsausfälle, die sich durch die rückläufigen Einnahmen der Opec-Länder ergeben werden, durch Akquistitionen in den westlichen Industrieländern auszugleichen, zumal die sinkenden Zinsen die Finanzierung erleichtern.

Für eine stabilere Beschäftigungslage der deutschen Unternehmen spricht ferner, daß sie ihre Lager bis auf das unbedingt notwendige Maß geräumt haben – der bisher hohen Zinsen wegen – und jetzt Neubestellungen zu einer besseren Auslastung der Produktionskapazitäten führen. Dank der inzwischen vorgenommenen Rationalisierungen müßte dies sofort zu einer Aufbesserung der Erträge führen.

Auf Grund dieser Lagebeurteilung und auf der Basis vorliegender Informationen sind die Analysten zu dem Schluß gekommen, daß sich die Erträge vieler deutscher Unternehmen in diesem Jahr um rund zehn Prozent erhöhen werden.

Wenn es dennoch Kreditinstitute gibt, die im gegenwärtigen Zeitpunkt zum Verkauf deutscher Aktien raten, dann geschieht dies in der Sorge vor kurzfristigen Rückschlägen, wie sie besonders in politischen Spannungszeiten jederzeit möglich sind...