Von Karl-Heinz Janßen

Die falsche Geliebte als Eva Braun identifiziert“ – diese nicht gerade sowjetfreundliche Schlagzeile ging im Herbst 1981 durch die westliche Presse. Bad tat das seine dazu: „Hitlers Witwe hatte andere Zähne.“ Als ob die Geliebte und (für einen Tag) auch Ehefrau des Diktators nicht am 30. April 1945 mit ihm vereint in den Tod gegangen sei, sondern sich heute noch irgendwo in der Welt als nunmehr siebzigjährige Dame verborgen halte.

Aufgebracht hatte die ganze Geschichte Professor Reidar Sognnaes von der Kalifornien-Universität in Los Angeles. Er hat sich – zusammen mit einer internationalen Forschungsgruppe – seit Jahren darauf spezialisiert, die Zuverlässigkeit der odontologischen Identifikationsmethode für die Gerichtsmedizin auch an historischen Fällen nachzuweisen. Schon 1972 verglich er das sowjetische Obduktionsprotokoll über Hitlers Leiche mit den Röntgenaufnahmen von Hitlers Kopf, die heute im Washingtoner Nationalarchiv aufbewahrt werden. Sein Resümee: Die Sowjets haben tatsächlich die Leiche Hitlers gefunden. Doch im vorigen Jahr überraschte er eine Konferenz von Gerichtswissenschaftlern in Bergen mit seinen Zweifeln am Tode Eva Brauns.

Bis zum heutigen 37. Todestag von Hitlers „Tschapperl“ ist der Forschungsbeifund, der im November von der Monatszeitschrift British Medical Association News Review zur Titelstory aufgeputzt wurde, unwidersprochen geblieben. Auch die Sowjets haben sich nicht gerührt, was nicht weiter verwunderlich ist. Jahrzehntelang hatten sie die Welt in dem Glauben gewiegt, die Leiche Eva Brauns sei nicht gefunden worden. Erst 1968 hat dann der sowjetische Journalist und ehemalige Nachrichtenoffizier Lew Besymenski in der ZEIT mehrere Obduktionsprotokolle veröffentlicht, die im Mai 1945 nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Leiche Hitlers und anderer, im Führerbunker umgekommener Personen diktiert wurden; darunter Akte Nr. 13 über die „teilweise verbrannte Leiche einer unbekannten Frau (vermutlich die Ehefrau Hitlers)“. Man sieht schon, wie vorsichtig die sowjetischen Mediziner formuliert haben.

Professor Sognnaes ist denn auch überzeugt, daß der Autopsiebefund vor keinem Gericht bestehen könnte. Folgende Zweifel hat der Mund- und Kiefernspezialist aufgelistet:

1. Im halbverkohlten Körper der Frau wurden sechzehn größere und kleinere Granatsplitterwunden mit zum Teil ausgedehnten Blutergüssen entdeckt. Sie lassen sich leicht erklären: Hitlers Bedienstete – Kammerdiener, Adjutanten, Fahrer – haben ausgesagt, sie hätten das Ehepaar im Hof vor dem Führerbunker zwecks Verbrennung in eine etwa ein Meter tiefe Baugrube gelegt. Fast dauernd lag das Gelände der Reichskanzlei unter schwerem Beschuß der sowjetischen Artillerie, so daß die Amateur-Leichenbestatter bei ihrer Arbeit immer wieder gestört wurden.

2. Im halbzerstörten Mund der Frau wurden zwar einige Zähne, nicht aber die beiden Jackett-Kronen aus Porzellan gefunden, die Eva Braun getragen hat. Auch dafür gibt es eine Erklärung: Die verkohlte Leiche wurde mit einem Spaten auf eine Zeltplane geschoben und dann in einem Granattrichter verscharrt. Russische Soldaten haben sie ausgegraben, aber, aus Versehen, sofort wieder eingebuddelt, ehe sie zum zweitenmal geborgen und in eine Holzkiste gelegt wurde. Genug Möglichkeiten also, daß ein paar Zähne verlorengehen konnten.