Während Englands Kriegsflotte gen Falkland dampfte, traf die Briten schon der nächste Schicksalsschlag. Unter dem Titel Deutschland und die argentinische (Atom-)Bombe „enthüllte“ die BBC in der vorigen Woche ein fürchterliches Kernwaffen-Komplott zwischen Bonn und Buenos Aires. Eine Stunde lang fuhr der BBC-Reporter Robin Denselow mit seiner Kamera einer Spur entlang, die vom württembergischen Haigerloch in die argentinische Pampas, von den Atom-Küchen des Dritten Reiches über Franz Josef Strauß in die präsumtiven Bomben-Fabriken der argentinischen Junta führte. Deutschland, so die suggestive These des farbenfrohen „Polit-Krimis“ (Regierungssprecher Ruehl), verhelfe den Argentiniern zur Atombombe – und dies nun schon seit bald vierzig Jahren.

Das britische Foreign Office, derzeit von ganz anderen argentinischen Ängsten geplagt, fand immerhin noch die Zeit, den Deutschen eine „verantwortungsvolle Haltung“ zu bescheinigen. Doch die englische Elite-Presse nahm den chilling scoop, die „erschreckende Enthüllung“ (BBC-Eigenwerbung), für bare Münze. „Eine haarsträubende Geschichte“, befand die London Times. Und der Manchester Guardian übernahm unbesehen die These vom illegalen argentinischen „Geheimabkommen mit Deutschland“.

Neun Monate lang hatten die BBC-Leute recherchiert, dann ließen sie die „Stinkbombe“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) zeitgerecht hochgehen. „Ich will nicht sagen“, erklärte BBC-Produzent David Taylor, „daß wir die Bundesrepublik unmittelbar für diese skandalöse Geschichte verantwortlich machen. Anderseits ...“

Millionen patriotisch aufgerauhter Zuschauer mußten letzte Woche in England erfahren, daß

  • Atomwissenschaftler des Dritten Reiches sich unter Mitnahme ihrer Forschungsunterlagen rechtzeitig nach Argentinien abgesetzt und dort an der Bombe weitergebastelt hätten – im Dienste des kommenden „Vierten Reiches“;
  • eine Reihe „alter Kämpfer“ nach der Wiederherstellung der bundesdeutschen Souveränität (1955) Arbeit und Ansehen im Kernforschungszentrum Karlsruhe gefunden hätten, von wo aus sie während der sechziger Jahre den geheimen Transfer bombenträchtiger Technologie nach Argentinien steuerten;
  • die Argentinier demnächst eine eigene Bombe bauen könnten – dank des schnöden Kommerzdenkens der Deutschen.

Was ist Fakt, was ist schiere Suggestion?

Die Geschichte der deutsch-argentinischen Zusammenarbeit in Sachen Atomtechnik liest sich streckenweise wie das Drehbuch eines Marx-Brothers-Film: viel action und wenig Handlung – mit Scharlatanen und Verschwörern, alten Nazis und jüdischen Wissenschaftlern, ehrgeizigen Forschungsmanagern und südamerikanischen Diktatoren.