Deutschland steht zu Beginn der achtziger Jahre vor einer Fülle wirtschaftlicher Probleme. Der Bundeshaushalt ist defizitär, die Inflationsrate ebenso wie die Arbeitslosenquote sehr hoch, die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt bedroht, die Energiesituation wegen der Abhängigkeit von Importen unerfreulich. Die deutsche Wirtschaft ist krank.

Vor diesem Hintergrund Desaster-Szenarios auszumalen, bereitet wenig Schwierigkeiten. Über alle deutschen Zukunftsängste schiebt sich die Frage einer möglichst „schmerzlosen“ Anpassung an die sich verändernden Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft. Die mit einschneidenden Strukturmaßnahmen verbundenen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgelasten werden gescheut. Daher muß nicht nur untersucht werden, wie tief die deutsche Angst sitzt, sondern auch, wie schwerwiegend die Probleme sind.

In der bisherigen Wirtschaftsgeschichte wurde ein Wachstum in der Größenordnung von drei Prozent im Jahr als normal erachtet – mit Ausnahme der Periode zwischen 1948 und 1973: Die Bundesrepublik Deutschland erzielte in der zweiten Belle Epoque eine ähnliche Wachstumsrate wie Schweden. In den Nachkriegsjahren bis 1955 stieg sie um jährlich etwa acht Prozent an und sorgte für das deutsche „Wirtschaftswunder“. Obwohl Deutschland immer noch einen guten Ruf genoß, beeindruckt die Entwicklung zwischen 1960 und 1970 weniger (4,6 gegenüber beispielsweise fünf Prozent in Frankreich); der Trend zum „Dreiprozenter“ scheint sich durchzusetzen. Auch hier ist der nach dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnende enorme Wachstumsanstieg in erster Linie auf den Nachholbedarf zurückzuführen. Das Wirtschaftswunder verliert angesichts solcher Betrachtungsweise viel von seinem Glanz, denn ein Durchbrach auf Dauer bahnte sich nicht an.

Anders die Entwicklung in Japan. Im Gegensatz zu den anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Nationen stieg die japanische Wachstumsrate auch während der Mauvatse Epoque erheblich an. Als erstes nicht westliches Land entwickelte sich Japan kontinuierlich und mit beachtlichem Tempo fort. Eine im Januar 1982 bekanntgewordene Studie der japanischen Regierung geht davon aus, daß Japan bis zum Jahr 2000 eine jährliche Wirtschaftswachstumsrate von fünf Prozent erzielt, während diejenige in den übrigen westlichen Industriestaaten bei durchschnittlich 3,5 Prozent liegt.

Die düsteren Prophezeiungen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Nationen (FKN) bekamen weitere Nahrung durch die ungewöhnliche Dynamik, mit der die sich entwickelnden Länder ihre Wettbewerbsbereitschaft bekundeten, und dies nicht nur in untergeordneten Fertigungsbereichen, sondern auch im Bereich Stahl- und Schiffsbau, in der Elektronik und dem Maschinenbau. Seit Mitte der sechziger Jahre stieg das Wachstum in den sich entwickelnden Ländern, die über keine Erdölressourcen verfügen (mit Ausnahme der Volksrepublik China) um durchschnittlich zwanzig Prozent schneller als in den FKN.

Die Schwellenländer oder neuen Industrieländer (NIL) bewiesen nicht allein eindrucksvoll ihre Wachstumskapazitäten, sie entwickelten sich über die Jahre hinweg auch zu wichtigen Handelspartnern, die in den Exportkalkulationen der FKN eine Schlüsselrolle übernahmen. Neue Industrieländer außerhalb der Opec sind beispielsweise für die Vereinigten Staaten wichtiger als Kanada oder die Europäische Gemeinschaft.

Deutschland kann sich durchaus mit gewissensberuhigenden Maßnahmen zur Beschneidung des Wachstums aus moralischen Gründen befassen. Vom rein ökonomischen Standpunkt her betrachtet muß dagegen die Konkurrenz der neuen Industrieländer Anlaß zu Besorgnis geben. Ein bedrohliches Merkmal der Entwicklung in den achtziger Jahren ist für Deutschland in der zunehmenden Konkurrenz der NIL zu sehen, die sich sowohl auf dem Binnenmarkt als auch auf den Auslandsmärkten zeigt. Bereits heute verfügen die neuen Industrieländer in der Bundesrepublik über einen gehörigen Marktanteil, der von 3,4 Prozent im Jahre 1970 auf 9,2 Prozent 1980 stieg.