Von Rolf Hochhuth

Warum – dieser Frage entkommen wir nicht – werden auf keiner der etwa hundertzwanzig Bühnen, auf denen man deutsch spricht, „Die Räuber“ zu sehen sein am 200. Jahrestag der Uraufführung? Nicht einmal im Burgtheater, das im November 1980 eine Inszenierung herausbrachte, begleitet von einem keineswegs plump gemachten Programmheft, das aus der Terroristenszene Österreichs und der Bundesrepublik Aussagen und Bekenntnisse abgedruckt hat, deren einige durchaus den ersten beiden der drei Mannheimer Musterstücke entnommen sein könnten, die Schiller hier abgeliefert hat. Und zwar bevor er am 26. 6. 1784 vor der „Kurfürstlich deutschen Gelehrten Gesellschaft“ zu Mannheim mit einem Vortrag über die Schaubühne – vergebens – das Recht zu erwerben hoffte, künftig bairisch-kurpfälzischer Untertan zu werden und damit vor Auslieferungsbegehren aus Stuttgart sicher zu sein.

Es war Schillers elendste Zeit – elend kommt ja von Ausland oder umgekehrt –, als Seine Exzellenz, der Intendant ihm nahelegte, endlich ein Handwerk zu erlernen und Schiller dem Freund, der ihm sogar die Mittel zu seinem Studium geopfert hatte, Andreas Streicher, gelobte, ehe er nach Dresden zu Körner abreiste, sie wollten einander erst wieder schreiben, wenn aus beiden „Ordentliches“ geworden sei – nämlich was? Nun, aus Streicher ein Kapellmeister, aus Schiller aber: ein Minister! Nicht der Arzt, der er ja ist, nicht Dichter, der bereits mit drei Stücken wie mit Flammenwerfern in seine Zeit hineingeleuchtet hat, sondern ein Politiker mit Einfluß: Minister. Das charakterisiert den noch nicht Fünfundzwanzigjährigen ebenso wie jenes todtraurige Bild, das eine Mannheimerin aus eigener Anschauung von ihm zeichnete: wie Schiller „damals am liebsten seine Spaziergänge zur Mühlau-Insel gelenkt habe“; ein tiefer, sinnender und melancholischer Ernst habe wie ein Schleier über seinem eigenen Wesen gelegen, gleich dem dunklen traumhaften Eindruck der schwarzen Pappel, unter der man ihn sitzen sah.

Was hatte das Leben aus dem sieghaften Jüngling gemacht, den uns seine Kameraden in der zweiten Hälfte der Zeit in der Karls-Schule vor Augen stellten. „So zieht sich denn“, schließt der liebevollste und kenntnisreichste aller Schiller-Biographen, Reinhard Buchwald, diese Wiedergabe des Augenzeugen ab, „durch alle Äußerungen Schillers, die wir aus jener Zeit besitzen, eine fast ununterbrochene Kette tief ergreifender Klagen!“

Es ist, wir dürfen verallgemeinern, die Klage der Jugend gegen eine Gesellschaft, die sie nicht integriert, auch gerade dann nicht, wenn diese Jugend schon Leistungen ohne Beispiel vorgelegt hat, oder doch nur integriert zu dem Preis, sich ihr, der Gesellschaft anzupassen bis zur Selbstaufgabe. Denn wenn „Die Räuber“ Leben im Leibe haben noch nach zweihundert Jahren wie am ersten Tag, so viel Dynamit, daß man heute nicht riskiert sie zu spielen, dann ja nicht deshalb, weil die Handlung oder auch nur der Familienzwist im Hause Moor oder die Charaktere der einzelnen Bandenmitglieder uns herausfordern, sondern weil dieses Drama das Bild ist auch unserer Jugend, sofern sie nicht schon mit einem Scheitel auf die Welt kommt vor lauter Wohlerzogenheit: „Die Räuber“, das ist immer die Jugend, die diesen Namen verdient – und die Büttel und die Priester und auch nur die Väter im Stückt: das sind immer wir Alten, heute wie damals. Von allen Dramen Schillers istdieseserste jenes, das weniger als alle anderen durch noch so geistvolle Auslegungen zu erfassen, zu domestizieren, zu neutralisieren ist, obgleich es ja bis fast ins Jahr seiner Entstehung – Schiller war noch nicht sechzehn, als er 1775 zuerst den Stoff bekam! recherchiert und gedeutet worden ist. Aber das Wesentliche dieser sehr großen Dichtung ist so unerreichbar durch Analyse wie der puerile Absolutismus selber, dem sie entsprang, wie einer seinem Zuchthaus entflieht! Erwachsen diese Dichtung aus Unterdrückung, und so verworren auch immer: bleibt sie doch die genialste literarische Leistung eines Twens, neben den Gedichten Heyms und des Wieners Loris, in aller Weltliteratur...

Guckt man sich jene Deutschen an, die ihre Abhandlungen auch darüber geschrieben haben, ob denn nun Schiller selber oder nur sein Drucker oder gar – grotesk, aber sogar das wird schriftlich erwogen – der Intendant, Leisetreter von Dalberg, jenes „In tyrannos“ auf die zweite Auflage gedruckt habe, weil Schiller sich, um Eltern und Geschwister zu schützen, offiziell von dieser seiner Kriegserklärung an die Gesellschaft distanzieren mußte: dann ist genau dieses komische Bemühen, das Werk zu verharmlosen, symptomatisch für die Angst, die dieser Text seit zwei Jahrhunderten sogar jenen einschockt, die sich mit ihm abgeben müssen. Buchwald, der nachweist, daß aus Andreas Streichers Handschrift, zum Schutz der Familie Schiller – Schillers ältester Sohn wurde ja Forstbeamter im Dienste Stuttgarts –, vieles gestrichen werden mußte, hat aus dem einst nur verstümmelt abgedruckten Manuskript Streichers, das er wiederfand, bewiesen, Schiller selber sei es gewesen, der diesen Neudruck mit dem Titelkupfer des springenden Löwen und den Worten „In Tyrannos“ zu Ludwigsburg betrieben hat. So wie ja auch nie bezweifelt werden konnte, daß Schiller und seine mitschreibenden Kameraden – denn zuweilen fanden sie die radikalsten ihrer Formulierungen gemeinsam auf der Karls-Schule –, expressis verbis ein Buch schreiben wollten, das unbedingt vom Schinder verbrannt werden müsse...

Daß ein politisch derart bewußt lebender Mann, der oft genug verfolgt oder verarmt war bis zur Vogelfreiheit, dennoch so skeptisch über die Demokratie gedacht hat: das sei uns die Verpflichtung, sie ebenso und immer neu in Frage zu stellen. Gemäß jener schnoddrigen und doch so wahren Bemerkung Bismarcks, der müsse ein Esel sein, der mit dreißig noch der gleichen Meinung sei wie mit sechzehn! Ein Band Schiller lag denn auch fast immer auf Bismarcks Nachttisch – und die fast wörtlich gleiche Formulierung, die Eisen- und Blutformel, die Schiller als Motto vor die „Räuber“ gesetzt – und mit der auch Bismarck sich als junger Parlamentarier „unmöglich“ gemacht hat, rührt an die heikle Frage, warum man zwar diesen zwei Genies das verziehen hat, als jugendliche Überspanntheiten, warum man aber heute namenlosen Jungen, die sich derart militant artikuliert haben, keineswegs diese Entgleisungen verzeihen kann, sondern sie drinläßt in der Radikalenkartei, im Computer des BKA oder im Fahndungsbuch.