Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, Ende April

Noch einmal versprachen sich der ägyptische Präsident Mubarak und der israelische Premier Begin am Telephon "Frieden für alle Zeiten". Noch einmal beglückwünschten sich die Amerikaner, an ihrer Spitze der unermüdliche Vize-Außenminister Walter Stoessel, daß es ihnen noch kurz vor Toresschluß gelungen war, in der heiklen Frage der endgültigen Grenzmarkierung zwischen Israel und Ägypten ein Stillhalteabkommen durchzusetzen. Danach aber wurde die Trauer vieler Israelis über die Trümmer ihrer einst blühenden Stadt Jamit an der Mittelmeerküste von Furcht überdeckt: Was wird der Frieden noch bringen außer diesen Ruinen, lähmenden Streitigkeiten um eine Autonomie für die Palästinenser, neuen Siedlungen und neuen Unruhen auf dem Golan, in Westjordanien und im Gaza-Streifen, außer Ägyptens unvermeidlicher Rückkehr in das arabische Lager, neuen Vergeltungsschlägen gegen Fatah-Stellungen im Südlibanon, außer; womöglich, einem neuen, dem fünften Krieg?

Es ist ein freudloser Friede für Israel. Das Trauma, zuviel für zuwenig geopfert zu haben, plagt die Israelis, Minister wie die einfachen Menschen. Die Angst, die in Israel umgeht, läßt sich nicht?! mehr verjagen.

Vergessen sind die Tage, als sich Sadat und Begin in Jerusalem und Washington umarmten, küßten und einander "Freunde" nannten. Die Erinnerung an die jubelnden, stolzen Soldaten, die im Januar 1974 über den Suez-Kanal mit den Transparenten an ihren Panzern: "Good bye, Africa" zurücksetzten, ist verblaßt. Vor allem ist die Hoffnung vergangen, mit diesem ersten Friedensvertrag nach dreißigjähriger Feindschaft werde ein neues Zeitalter im Nahen Osten anbrechen, wo Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, die Löwen bei den Schafen weiden werden. "Friede für Sand", heißt es heute, oder auch: "Friede, auf Sand gebaut."

Menachem Begin, der immer noch an seinem Hüftbruch leidende, alt und gram gewordene Ministerpräsident, hat sein Wort gehalten. Zur festgelegten Uhrzeit, am vorgeschriebenen Tag, wurden im Sinai, bei Scharm-el-Scheich im Süden und bei Rafah im Norden, die letzten Fahnen mit dem blauen David-Stern eingeholt, fast geschäftsmäßig, ohne Pauken und Trompeten. Soldaten in Hab-Acht-Haltung hatten Tränen in den Augen. Knapp fünfhundert Meter von ihnen entfernt hißte der neuernannteägyptische Gouverneur, Generalmajor Abu-Talib, die rot-weiß-schwarze Flagge der Republik Ägyptens, brachen Beduinen und Palästinenser in Jubelrufe aus oder schrien den abziehenden Israelis nach: "Nieder mit dem Zionismus!" Nur wenige Stunden vor dem Totengedenktag, an dem Israel seiner Gefallenen vor der Jerusalemer Klagemauer gedachte, war dies ein Trauertag.