So fing Rainer Maria Rilke seine „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ an: „Rue Taullier. So, also hierher kommen die Leute, um Zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ Aus der trüben Weitsicht würde blutige Wirklichkeit. Gleich neben dem Haus, in dem Rilke 1902 selber wohnte, schlug Illich Ramirez Sanchez, genannt „Carlos“ zu: im Juni 1975 ermordete er zwei Polizisten und einen Libanesen.

Seitdem ist Carlos der meistgesuchte Terrorist der Welt. Die französische Polizei hat seine Spur mühsam rekonstruiert. Sie führte zum Drug-Store Saint Germain; eine Bombe hatte im Herbst 1974 ein Blutbad angerichtet. Dann ins Ausland, in die französische Botschaft von Den Haag, als der Botschafter gekidnappt wurde, und wieder zurück nach Paris, Zum Flughafen Orly, wo Carlos’ Kommando eine Maschine der israelischen Gesellschaft El Al beschoß.

Dann kam im Dezember 1975 der Überfall auf die in Wien versammelten Minister der OPEC, die Entführung eines israelischen Flugzeugs nach Entebbe im Jahr darauf wieder war Carlos in Aktion getreten. Mittlerweile gab es Photos von ihm, präzise Personenbeschreibungen, doch Carlos war nicht zu fassen.

Am 1. März dieses Jahres meldete er sich wieder zu Wort, er schickte einen Brief an den französischen Innenminister Gaston Defferre, in dem er ultimativ die Freilassung zweier in Paris einsitzender „Freunde“ forderte, deren Prozeß bevorstand. Die Behörden reagierten nicht. Am Tag, an dem das Ultimatum auslief, explodierte im Expreß Paris – Toulouse eine Bombe, fünf Menschen starben.

Vorige Woche stand die Verhandlung gegen Carlos’ Freunde, den Schweizer Bruno Breguet und die Deutsche Magdalena Kopp, an. Morgens um neun, kurz bevor die Richter im Pariser Justizpalast zusammentraten, zerfetzte eine Sprengladung in der Rue Marbeuf einen Opel Kadett mit österreichischem Kennzeichen und tötete eine Passantin. Ein paar Stunden später plädierte der Verteidiger der beiden Carlos-Komplizen: „Sie wissen, daß sie das Gefängnis verlassen werden,denn keiner ihrer Freunde wird ruhen, bevor sie nicht in Freiheit sind.“

Carlos oder nicht Carlos? In Paris hat niemand den Mann mit den vielen Gesichtern gesehen. Doch er gilt als der große Drahtzieher des Terrorismus, seine Verbindungen zu deutschen, syrischen, japanischen, korsischen Attentätern sind erwiesen.

Sein Weg führt direkt von der Rue Toullier in die Rue Marbeuf. Mag er auch ein Gespenst sein, ein Mythos ist er für die Franzosen nicht mehr.

Klaus-Peter Schmid, (Paris)