Von Dieter E. Zimmer

Buenos Aires, Ende April

Jeden Donnerstagnachmittag kommen „die Mütter“ ins Zentrum von Buenos Aires. Sie versammeln sich auf der Plaza de Mayo, nur wenige Schritte vom „Rosa Haus“, dem Amtssitz des Staatspräsidenten. Eine halbe Stunde lang machen sie die Runde um die Mai-Pyramide und verlangen Auskunft – Auskunft über die „Verschwundenen“, jene sechstausend bis fünfzehntausend politisch irgendwie verdächtigen Argentinier, die in den Jahren 1976/79 meist in einem grünen Ford Falcon abgeholt wurden und seitdem verschollen sind, wahrscheinlich gefoltert und ermordet.

Die Mütter, einige Hundert an der Zahl, wollen von der regierenden Militärjunta wissen, wo ihre Söhne abgeblieben sind. Auch jetzt, im Schatten des Krieges mit Großbritannien, kommen die Mütter noch. Auf ihren Schildern steht: „Die Malvinen gehören Argentinien – wie die Verschwundenen.“

Denn alle, alle, alle sind sie für die Annexion der Malvinen, und die „Mütter“, dieses Symbol der Opposition, machen keine Ausnahme. Ganz Argentinien ist so voll von patriotischer Genugtuung wie von dem Himmelblau und Weiß der Fahnen. Aus jedem Sektor der Gesellschaft kommen Glückwunschbotschaften an die Regierung: von der katholischen Kirche, den in ihrer Tätigkeit behinderten Gewerkschaften, den nur halblegalen Parteien, selbst den Kommunisten; von den Pfadfindern, Automobilisten und Ahnenforschern; von den Volksgruppen der Italiener, Juden, Armenier, Deutschen, mit einiger Verspätung sogar von den Pizzabäckern. Selbst der Führer der Montoneros, der linksperonistischen Terrororganisation, meldete sich aus dem kubanischen Exil und verlangte, nach Argentinien zurückkehren zu dürfen, um mitzukämpfen gegen das imperialistische Albion.

Stimmen der Distanzierung gibt es ganz wenige. Aus Madrid nannte ein exilierter Peronisten-Flügel den Malvinen-Coup eine „Farce“, aus Paris der Schriftsteller Julio Cortazar eine „abenteuerliche Aktion“. Sofort wurde in Argentinien daran erinnert, daß er in Belgien geboren und jetzt Franzose sei. Denn wer nicht für die Wiedereingliederung der Malvinen ist, der kann gar kein richtiger Argentinier sein. Jeder Argentinier hat es ja von klein auf gelernt: „Hinter ihrem Nebelmantel/dürfen wir sie nicht vergessen/„die argentinischen Malvinen/fleht der Wind und brüllt das Meer“. So heißt es in einem populären Marschlied, das immer und immer wieder im Radio gespielt wird.

Es wäre ganz falsch, diese patriotische Aufwallung für eine hohle Inszenierung der Militärdiktatur zu halten. Sie ist nicht verordnet. Sie ist echt, so unglaubhaft das klingen mag. Wohl gibt es erhebliche Zweifel daran, ob das Ganze gutgehen könne. Aber daß Argentinien völlig im Recht ist: daran zweifelt hier kaum jemand. Der Malvinen-Coup war für Argentinien mehr als die Tilgung einer historischen, fast 150 Jahre lang wachgehaltenen Schmach. Hier hat es eine ehemalige Kolonie einer ehemaligen Kolonialmacht gegeben, der Süden der Erde dem privilegierten und arroganten Norden, der Romane dem Nichtromanen. David hat Goliath einen ganzen Archipel entrissen. Daß da nicht alle Welt Beifall klatscht, verblüfft und kränkt die Argentinier tief.