Ein „Demokrat über den Parteien“ ist er genannt worden, „Praeceptor Germaniae“ hat man ihn gepriesen, der Mentor einer ganzen Generation von Politikern und Politikwissenschaftlern nach dem Kriege ist er gewesen – Professor Theodor Eschenburg. Am 1. Mai ist es 25 Jahre her, daß er als Kommentator zur ZEIT gestoßen ist.

Seither hat Eschenburg, der mittlerweile 77 Jahre alt ist, aber so rüstig und wach wie eh und je, zu den großen wie den kleinen Fragen der res publica Stellung genommen; zu Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit; zu Substanz und Stil deutscher Politik. Auch wo er Kleinigkeiten aufspießte, ging es ihm um das Grundsätzliche: um Spielregeln, Kompetenzen, Abgrenzungen. Denen, die Macht ausüben, setzte er Schranken; denen, über die sie ausgeübt wurde, zeigte er ihre Rechte. Er wetterte gegen die Selbstherrlichkeit der Institutionen wie gegen die Laxheit ihrer Verwalter, kritisierte den Übermut der Ämter wie die Schwächen der Amtsinhaber, Immer ist Theodor Eschenburg der Prophet eines maßvollen, ausgewogenen Pluralismus gewesen. Er respektierte die Gesellschaft und die in ihr wirkenden Kräfte, aber er wies auch dem Staat sein eigengesetzliches Dasein zu.

Als Politologe, als Publizist hat er Maßstäbe gesetzt: Maßstäbe rationaler politischer Analyse, Maßstäbe auch unabhängigen Urteilens, Lehrens und Belehrens. In letzter Zeit hat er weniger oft für die ZEIT zur Feder gegriffen; er ist wieder zu seinem eigentlichen Fach, zur Historie, zurückgekehrt und arbeitet an einem Buch über die frühe Nachkriegszeit. Aber die Spalten der ZEIT, in denen er so viel Bedeutsames formuliert hat, stehen ihm stets offen. Der Redaktion, für die er länger geschrieben hat als die meisten Redakteure, bleibt er ein kluger und unbestechlicher Ratgeber.

Th. S.