ARD, Dienstag, 4. Mai, 23 Uhr: „Erinnerung – Sicaron“, Fernsehfilm von Richard Blank

Es war einmal eine Stummfilmdiva, die man vergaß, und die nicht vergessen konnte. Sie lebte in Los Angeles am Sunset Boulevard in einer alten Villa, die sie an bessere Zeiten erinnerte, und erinnerte sich. Auf alles Gegenwärtige reagierte sie in einer vergangenen Rolle. Als am Ende der junge Autor, den sie unglücklich liebte, tot in ihrem Swimming-pool lag, Polizisten sie abführten und die Kameras der Fersehreporter surrten, nahm sie ihren letzten Auftritt als die erste Szene eines neuen Films. Seit sie keine Filme mehr drehte, war ihr die ganze Welt Kind.

Die Rolle der Diva spielte Gloria Swanson, die selber eine Stummfilm-Diva war. Ihr Ruhm ist in den dreißiger Jahren verblaßt. In Billy Wilders „Sunset Boulevard“ hatte sie zu Beginn der fünfziger Jahre wieder einen ganz großen Auftritt und spielte zum Teil ihr eigenes Desaster.

In den dreißiger Jahren, als in Amerika Gloria Swansons Stern unterging, wurde Veronika Voß im Deutschen Reich ein Star. Ihr Ruhm verblaßte, als Ende der vierziger Jahre die Republik begann. Seit Veronika Voß die Droge Kino nicht mehr hatte, flüchtete sie zu Morphiumspritzen. Wenn sie in Fassbinders neuem Film das Haus ihrer Nervenärztin verläßt, tritt sie noch immer wie ein Star auf. Rosel Zech spielt sie auch dann als Süchtige. Fassbinder hat von sich selber erzählt, wie abhängig er vom Filmen ist. In der „Sehnsucht der Veronika Voß“ spiegelt sich ein Teil seines Desasters.

In den fünfziger Jahren, als der Stern der Veronika Voß unterging, wurde Hannelore Schroth ein Star. Ihr Ruhm begann mit Helmut Käutners Film „Unter den Brücken“, und als er in den siebziger Jahren wieder verblaßte und sie die Droge Kino nicht mehr hatte; flüchtete sie zum Alkohol. Jetzt hat Hannelore Schrott in Richard Blanks Fernsehfilm „Erinnerung – Sicaron“ wieder einen ganz großen Auftritt. Sie spielt die deutsche Schauspielerin Lucy Lenz, die nur noch von vergangenen Erfolgen lebt (also einen Teil ihres eigenen Desasters). Seit für sie die Bühnen verschlossen sind, ist ihr die ganze Welt Theater.

Wenn der Film beginnt, ist sie gerade in Israel gelandet. Während sie, in rote und weiße Tücher gehüllt, im Fonds eines Taxis durch ein Stück Wüste führt, sagt sie pikiert: „In New York hat’s geregnet.“ Sie tritt in die Landschaft und schwärmt: „Eine Bühne!“ Meistens spricht sie in Zitaten, die vor allem aus Kleists „Penthesilea“ stammen und aus dem „Käthchen von Heilbronn“. Den Speisesaal ihres Hotels beginnt sie auf seine Bühnenwirkung zu untersuchen und umzudekorieren. Plötzlich schreit ein Israeli, der auf seinen Nachtisch wartet, den überforderten Kellner an: „Wenn ich schon in einem deutschen Theater speisen muß, dann hätte ich wenigstens gern mein Obst.“

Zu Richard Blanks Filmtitel „Erinnerung“ gehört die hebräische Übersetzung: „Sicaron“. Zwar erinnert sich auch Hannelore Schroth an eine illustre Schauspielervergangenheit, sind die meisten Kostüme, mit denen sie sich ständig verkleidet, fast alle aus ihrem privaten Fundus; zwar jagt auch dieser Film insgeheim einem Traum vom Kino nach, das noch wirkliche Stars wie Gloria Swanson kannte und dessen Publikum sich naiv erzählten Geschichten noch distanzlos überlassen konnte; zwar erinnert Blanks Mischung aus quasi dokumentarischen und höchst artifiziellen Szenen momentweise an frühe Filme Werner Schroeters; aber stärker noch als bei Fassbinder ist die Erinnerung an eine Karriere verbunden mit der Erinnerung an Geschichte.