Konnte Leben von selbst aus unbelebter Materie entstehen? Nobelpreisträger Manfred Eigen will den Vorgang mit Hilfe einer Maschine simulieren

Von Doris Freiberg

Für Denker aller Jahrhunderte war es eine Herausforderung. Doch da die Frage „Wie ist das Leben entstanden?“ sei ungeheuerlich schien, ja an den Fundamenten des menschlichen Daseins rüttelte, zogen sich Philosophen und Naturforscher bei der Antwort gern ins Mystische zurück.

„Gott hat alle Dinge geschaffen“, schreibt etwa der Schweizer Arzt Paracelsus Anfang des 16. Jahrhunderts. „Er hat Etwas aus Nichts erschaffen. Dieses Etwas ist ein Same, dem der Zweck seines Gebrauchs und seiner Funktion von Anfang an innewohnt.“

Paracelsus’ geistiger Nachfolger, der Brüsseler Edelmann Johann Baptist van Helmont, verwahrte sich auch hundert Jahre später noch gegen eine logische Betrachtung der Natur: „Logik ist nutz los“, schrieb er, „da die Regeln der Mathematik oder andere Beweisschlüsse der Natur eine schlechte Ordnung anlegen.“

Doch so schlecht ist diese Ordnung nun auch wieder nicht. Professor Manfred Eigen vom Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie beschäftigt sich seit geraumer Zeit intensiv mit einer mathematisch begründeten Theorie der Entstehung des Lebens. Ein Modell dafür stellte der Chemie-Nobelpreisträger von 1967 Anfang der siebziger Jahre erstmals der deutschen Öffentlichkeit vor. In den letzten zwölf Jahren vertiefte und erweiterte er zusammen mit seinen Mitarbeitern dieses Modell. Heute ist sich Eigen seiner Sache so sicher, daß er nun versucht, die Theorie in die Praxis umzusetzen: In Göttingen wird eine Maschine konstruiert, die in letzter Konsequenz lebende Strukturen erzeugen könnte.

Was ist Leben überhaupt? Manfred Eigen läßt die Frage offen: „Es gibt keinen scharfen Punkt, vor dem alles unbelebt und hinter dem alles belebt ist. Vielmehr gibt es einen kontinuierlichen Übergang vom Unbelebten zum Lebendigen. So war es ja vermutlich auch in der Evolution. Wir benutzen heute nur deshalb den Begriff Leben relativ eindeutig, weil diese Vorstufen des Lebens verschwunden sind. Wir haben es heute praktisch nur noch mit Lebewesen zu tun, die ihrer Umwelt optimal angepaßt sind.“