Faszinierend

"Normalsatz" von Heinz Emigholz, der von sich selber sagt, er sei "besessen vom Bild, das die Geschichte und die Idee der Geschichte kaputtmacht". An jeder Geschichte und jedem Geschichtenerzählen ekle ihn "die Linearität, wie sie als Form vorhanden ist". So dreht er Filme, die durch ihre besondere, ihre ungewohnte Ästhetik irritieren. Filme, die nichts erzählen und nichts darstellen, sondern das Erzählen und das Darstellen selbst zum Thema erheben. Die Kamera sucht neue, sehr radikale Perspektiven. Und die Montage sucht neue, sehr radikale Verknüpfungen. Die Folge ist eindeutig. Wenn die Kamera den gewohnten Blick verweigert und die Montage den gewohnten Rhythmus, verändert sich die Welt. In "Normalsatz" geht es um ein Spiel mit der filmischen Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Räume, um die "Anarchie der Gleichzeitigkeit, die das Leben ermöglicht". Der Film spielt in "Brookbürg", also ohne sichtlichen Übergang zugleich in Straßen und Häusern von Brooklyn und Hamburg. Unterschiedliche Räume, unterschiedliche Zeiten fallen zusammen: in Folgen von Filmbildern, die bewußt vorfahren, wie selbstverständlich, wie einfach das Unmöglichste ist, im Film. Ein Schnitt genügt, und schon sind Menschen aus verschiedenen Ländern und verschiedenen Zeiten vereint. Die schönste Sequenz des Films dauert beinahe eine Ewigkeit, ihr ist eine literarische Collage unterlegt: Ein Mann geht einfach eine Straße entlang, und die Kamera begleitet ihn dabei, nichts ereignet sich, und doch ereignet sich ein großes, ein faszinierendes Abenteuer. (Der Film läuft zur Zeit in den kommunalen Kinos der Bundesrepublik.)

Ein faltig "Kraftprobe" von Heidi Genie führt geradezu beispielhaft vor, wie im Kino soziales Engagement durch filmästhetische Ignoranz sich ins Gegenteil verkehrt. So einfältig wird dem Kino-Realismus gehuldigt, der "aus einem Ausschnitt die ganze Welt macht" (Frieda Gräfe). Während unbeachtet bleibt, daß im Film die Geschichten über "Probleme" voraussetzen, daß das Filmische selbst problematisiert wird. Der Anschein der objektiven Wirklichkeit, den das Kino so selbstverständlich behauptet, in "Kraftprobe" überdeckt er den Illusionscharakter des Kinos voll und ganz. So kommt die vor-gedachte Geschichte zwischen den Wirklichkeiten ins Trudeln. Nirgendwo gibt es einen neuen Atem zum Fühlen/zum Denken. Und das, was einer will, wird plötzlich bestimmt durch das, was er nicht kann. Ein junges Mädchen, das allein leben muß, weil die Mutter gerade eine Entziehungskur macht; und die Umwelt, die ihm feindlich gesonnen ist. Das ist ein großes Kinothema. Gerade wenn Klischees es bestimmen. Die alte, fette Nachbarin, die neugierig jeden Schritt des Mädchens überwacht. Die Fürsorgerin, die es so verständnisvoll mißversteht. Und in einem Autokino, in dem das Mädchen jobbt: der cholerische Budeninhaber, der es skrupellos ausbeutet. Schließlich der junge Kriminelle, den das Mädchen mag, so sehr, daß es ihn mit nach Hause nimmt. Das bringt die Polizei ins Spiel, nicht brutal, nur kühl und sachlich. Die großen Melodramatiker des Kinos hätten diese Klischees zur großen Oper gestaltet. Doch ein Film, in dem es so einfältig um Soziales geht, taugt allein für bewußtlose Sozialarbeiter, die, wenn sie schon mal ins Kino gehen, sich vor allem darüber freuen wollen, daß sie doch ganz anders sind als ihre Abbilder auf der Leinwand. Norbert Grob

Empfehlenswerte Filme

"Das letzte Loch" von Herbert Achternbusch. "Berliner Stadtbahnbilder" von Alfred Behrens. "Schnee" von Juliet Berto und Jean-Henri Roger. "Die Sehnsucht der Veronika Voss von Rainer Werner Fassbinder. "Ganz normal verrückt" von Marco Ferreri. "Feuer und Schwert" von Veith von Fürstenberg. "Time Bandits" von Terry Gilliam. "Fitzcarraldo" von Werner Herzog. "Mein Essen mit André" von Louis Malle. "Der Mann aus Eisen" von Andrzej Wajda.