Überall in Europa wird das Benzin billiger, weil die Ölpreise fallen. Nur in Italien nicht. Zwar hat die Regierung vor einigen Wochen den Benzinpreis auf 1,85 Mark je Liter ermäßigt. Doch nun weiß Rom mit der Differenz zwischen den weiter gesunkenen Einstandskosten der Ölgesellschaften und dem staatlich festgelegten Benzinpreis an den Tankstellen etwas Neues anzufangen.

Der Staat kassiert nämlich das Geld als eine Art Sondersteuer und steckt es als Subvention der staatlichen Stromversorgung ENEL zu. Elf Jahre lang, so lautet der Plan, soll die ENEL je eine Milliarde Mark Benzingelder erhalten, „damit sie ihre Investitionen weiterführen kann“, wie es offiziell heißt. In Wahrheit braucht die ENEL aber Geld, weil sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen kann und mangels Flüssigem sogar vorübergehend die Wartung ihrer Anlagen einstellen mußte.

Italiens nationale Elektrizitätsversorgung macht eben außer Strom jährlich auch ein paar Milliarden Mark Verluste.

Ehe die Elektrizitätswirtschaft vor zwanzig Jahren verstaatlicht wurde, brachte sie Gewinn. Dann wurde nationalisiert, und damit kamen die roten Zahlen. Wie sollte die Rechnung auch aufgehen, wenn die ENEL auf der einen Seite die höchsten Arbeitslöhne Italiens zahlte und je installierte Kilowatt-Einheit doppelt so viele Arbeitskräfte beschäftigte wie etwa die französische Stromversorgung – und wenn gleichzeitig die kleinen Stromverbraucher mit Anschlüssen bis 1,5 Kilowatt Leistung einen sozialen Sondertarif erhalten? Man macht es in Italien genau umgekehrt wie etwa in der Bundesrepublik: Gute Stromkunden zahlen Zuschläge, Kleinverbraucher erhalten Sozialrabatt.

Das erklärt, warum die meisten Haushaltsanschlüsse in diesem Land zu schwach bemessen sind und man im Dunkeln sitzen muß, wenn die Waschmaschine läuft. Kurzum, die Subventionen des Stromverbrauchs, die mehr als der Hälfte aller Privathaushalte zukommen, müssen die Autofahrer nun der Stromversorgung ersetzen.

Trösten mag die Autofahrer, daß auch die Ölgesellschaften blechen müssen. Die größte von ihnen ist die staatliche Energieversorgung ENI, die über vierzig Prozent Marktanteil hat. Der Leser ahnt schon, was kommt? Richtig! Auch die ENI machte 1981 zwei Milliarden Mark Verlust. Natürlich deshalb, weil die staatlich festgelegten Preise für ihre Ölprodukte nicht die Kosten deckten. Das brachte eine Milliarde Defizit.

Die andere Milliarde Verlust kam aus der Chemietätigkeit der ENI-Tochtergesellschaft ANIC, die wiederum Düngemittel für die Landwirtschaft subventionierte, sowie aus dem Textilkonzern der ENI, welcher Anzüge oder Kleider entweder zu billig verkaufte oder zu teuer herstellte, um Arbeitsplätze zu erhalten. Jedes Defizit hat schließlich seinen guten sozialen Grund.